HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
1.6.2004 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Globalisierung gestalten

Von der Notwendigkeit regionaler Selbstverwaltung

Unter diesem Titel stand der Vortrag des Sozialwissenschaftlers Dr. Christoph Strawe auf dem Regiogeld-Kongress 2004 in Prien am Chiemsee. Die Begeisterung war groß. Der für das „Netzwerk Dreigliederung“ in Stuttgart tätige Sozialwissenschaftler hatte es ausgezeichnet verstanden, die Realität und die Hintergründe der Globalisierung ebenso anschaulich wie anspruchsvoll zu vermitteln und eine überzeugende Handlungsperspektive zu entwickeln. Der folgende Bericht steht wegen der einfacheren Lesbarkeit im Indikativ.

Bericht von Bernd Hercksen

Anstatt den Globus zu vereinen, verschärft die Wirtschaftspolitik der Globalisierung die Gegensätze. Seit Anfang der neunziger Jahre überbieten sich alle Länder in der Konkurrenz der Standorte, um möglichst gute Investitionsbedingungen für die Multis zu schaffen. Überall werden dafür Sozial- und Umweltstandards geopfert und die Kompetenzen der Nationalstaaten beschnitten.

Strawe sieht aber auch eine positive Entwicklung: die Individualisierung und Selbstverantwortlichkeit des Menschen, die die Freiheit der Entscheidung voraussetzt.

Die wichtigste Basis einer schrankenlosen Globalisierung ist für Strawe der Marktfundamentalismus, dessen Begründer Adam Smith heute mehr denn je verehrt wird. Smith entfernt alle moralischen Gefühle aus der Wirtschaftslehre, die Wirtschaft soll wie eine Maschine funktionieren, angetrieben vom Egoismus der Wirtschaftsteilnehmer. Über die so genannte „unsichtbare Hand“ würde dieser Egoismus letztlich zum Wohl aller führen. Auch eine Verständigung von Produzenten untereinander und mit den Konsumenten kommt bei Smith nicht vor, es bleibt nur der Preismechanismus als Entscheidungsinstanz übrig.

Gegen eine solche schrankenlose Marktwirtschaft entstand Ende des neunzehnten Jahrhundert eine Korrektivbewegung, die den Sozialstaat durchsetzte. Heute scheint man sich für solche Leistungen zu schämen, weltweit werden die Sozialleistungen wieder abgebaut, und der Marktfundamentalismus wird auch auf Boden, Arbeit und Kapital ausgedehnt.

Schon nach dem zweiten Weltkrieg führte dieses Denken zu den in der Konferenz von Bretton Woods neu geschaffenen Institutionen Weltbank und Internationaler Währungsfonds IWF. Der damals von Keynes vorgeschlagene Plan eines Ausgleichs der Leistungsbilanzen wurde abgelehnt, obwohl er das internationale Schuldenproblem gelöst hätte. Auch die Zölle werden im Rahmen des GATT und des „Kampfes gegen den Protektionismus“ abgebaut. Heute hat man den Eindruck, dass Menschen für die Wirtschaft nur noch Störenfriede sind.

Im Zuge der weltweiten Liberalisierung werden zunehmend auch lokale Dienstleistungen, kommunale Institutionen und der Agrarmarkt für die Großkonzerne geöffnet. Die Subventionen für die Landwirtschaft werden immer mehr abgebaut, so dass Bergbauern mit Großfarmen auf dem Weltmarkt konkurrieren müssen.

„Wo die Gefahr am größten, wächst das Rettende auch“, dieses Hölderlin-Zitat diente dem Redner als Überleitung für die Darstellung der Gegenkräfte. Sie verstehen sich als Zivilgesellschaft, als Netzwerk von Organisationen ohne Zentralismus. So gelang es den globalisierungskritischen Organisationen, die Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO in Seattle und die Konferenz in Cancun scheitern zu lassen.

Die Frage einer alternativen Wirtschaftsordnung ist nach Meinung von Strawe noch nicht gelöst, er plädiert für die Einführung der Selbstverwaltung als eine „Managementform der Mündigkeit“ auf allen Ebenen. Solange die neuen Selbstverwaltungsorgane noch nicht aufgebaut sind, muss der Staat die Verantwortung übernehmen. Dabei sollen auch die Preise auf den Prüfstand, denn sie sagen nicht die ganze Wahrheit.

Nicht allein der Markt, sondern auch regionale Gespräche und Vereinbarungen sollen Einfluss auf die Preise haben. Daher sind auch Komplementärwährungen wichtig, die die Spielregeln der lokalen Märkte ändern. Der Referent plädierte für eine langfristig assoziative Wirtschaft, die eine Mittelstellung zwischen Marktfundamentalismus und Planwirtschaft einnimmt.

Gratis, aber nicht umsonst:
Humonde braucht Ihr Engagement.