HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
24.4.2006 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Die Rendite-Diktatur und die Geldreform

Achter Teil des neunteiligen Dossiers

Beitrag von Hans Olbrich

Das Geld, das Allen dient statt Einigen.

Unsere Wirtschaft läuft falsch, weil am Geld etwas falsch ist. Diese längst belegte Tatsache wird von den Verantwortlichen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik noch immer verdrängt, obwohl die Auswirkungen des falschen Geldes immer dramatischer werden. Wir erleben die Auszehrung der öffentlichen und privaten Haushalte, die Millionenheere von Arbeitslosen auch in vielen reichen Industrieländern, zahllose Unternehmens- und Privatinsolvenzen. Gleichzeitig lesen wir von Riesengewinnen dort, wo nicht Arbeit, sondern allein der Besitz von Geld riesige Renditen bringt.

Doch während die leitenden Damen und Herren des Landes sich nur mit den Symptomen beschäftigen, ohne die Ursachen auch nur anzutasten, tickt die Zinsbombe weiter. Dabei wäre es zu einer durchschlagenden Sanierung ein vergleichsweise kleiner Schritt. Es geht nur um wenige Korrekturen am Geld- und Bodenrecht - und wir hätten eine florierende Wirtschaft und eine Gesellschaft, die allen ein Auskommen bietet.

„Geld muss zirkulieren, damit die Wirtschaft rund läuft“ – so sagen auch die Freunde des Zinssystems. Und sie argumentieren, dass sie mit dem Zins eine „Belohnung“ erhalten dafür, dass sie ihr Geld über Kredite in die Wirtschaft zurückführen. Wenn das so in Ordnung ist, dürfte auch kein Autofahrer fürs Parken im Halteverbot eine gebührenpflichtige Verwarnung erhalten. Im Gegenteil. Wäre es im Verkehrs-recht genau so wie im Geldrecht, müsste ein beflissen heran eilender Polizist dem verbotswidrig parkenden Fahrer einen großen Geldschein als „Belohnung“ dafür anbieten, dass er bitte weiter fährt und den Verkehr nicht länger blockiert. Diese „Belohnung“ ist im Geldrecht der Zins. Und daran haben sich alle gewöhnt, ohne einmal die Folgen zu Ende zu denken. Diese „Belohnung“ im Geldrecht widerspricht aber dem Prinzip, mit dem in allen anderen öffentlichen Bereichen die Ordnung aufrechterhalten wird, oder? Also: Was liegt näher, als dieses Prinzip auch beim Geld anzuwenden?

Es gibt schon sehr lange sehr intelligente Ideen, die in verschiedenen Ländern auch schon realisiert, aber von staatlicher Macht wieder exekutiert wurden - warum auch immer. Allen diesen Ideen gemeinsam ist eine Gebühr auf Geld, das nicht in der Wirtschaft „zirkuliert,“ sondern willkürlich und spekulativ „geparkt“ wird und damit den nötigen (Verkehrs-) Fluss des Geldes unterbricht. Der Effekt im Geldsystem wäre eine legale und faire Konkurrenz zwischen einer „Geld-Parkgebühr“ und dem Zins, der sich dann einfach nur noch nach den Mechanismen des freien Marktes entwickeln würde.

So ließen sich die Prinzipien der öffentlichen Ordnung und die Logik des freien Wettbewerbs auch für ein vernünftiges Geld nutzen, das allen dient und nicht nur wenigen.

Was würde ein vernünftiger Mensch denn nach Einführung einer Gebühr auf „geparktes“ Geld tun? Er würde es machen wie beim Kinderkartenspiel Schwarzer Peter: Weitergeben, ausgeben, verleihen, investieren, um dieser „Parkgebühr“ zu entgehen. Und weil es alle so machen würden, wäre die gesamte von der Notenbank ausgegebene Geldmenge stets im Umlauf. Deshalb nennt man diese Maßnahme auch „Umlaufsicherung.“ Das heißt: Die Wirtschaft würde „rund laufen, weil das Geld zirkuliert.“ Genau das wollen angeblich doch alle. Aber fast alle - voran die Banken als Nutznießer der großen Geldvermögen - verhindern jeden Ansatz zu einer Reform mit zum Teil abenteuerlichen Ausreden.

Oft wird gefragt, wie eine solche Umlaufsicherungsgebühr technisch zu realisieren sei. Antwort: Je nach Stand der technischen Entwicklung heute anders als gestern oder morgen. Es ging schon während der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren wie zum Beispiel in Wörgl, und es ginge heute – im Zeitalter der elektronischen Geldverwaltung – noch viel leichter. Und es geschah auch schon im Mittelalter, wenngleich nur als „Nebeneffekt“ des damaligen Steuersystems.

Oft wird auch gefragt, was die Großkapitalisten denn tun würden, wenn das Geld eine Umlaufsicherung bekäme. Sie würden Grund und Boden kaufen, um damit zu spekulieren. Deshalb müssten Geld- und Bodenrecht gemeinsam verändert werden. Ideen und Vorschläge liegen vor, sehr faire Vorschläge sogar: Beide Konzepte schließen aus, dass existierende Besitzstände in Anspruch genommen werden.

Doch während sich die Politiker aller Parteien ausschließlich darauf konzentrieren, weiteres Wachstum zu fordern, gibt es anscheinend keine Partei, die den Auswirkungen des Zinssystems und den dadurch verursachten Wachstumszwang thematisieren und korrigieren wollte. Dazu wäre keine sozialistische Revolution notwendig, sondern erstens verständliche Informationen für alle und zweitens der ehrliche Umgang damit bei den Verantwortlichen.

Umlaufsicherung in der Praxis (I.)

1932 wetterleuchtet der Weltenbrand über Europa. US-Ökonom Irving Fisher, renommiertester Geldtheoretiker jener Zeit, hat seinen Genfer Mitarbeiter Scheibler nach Wörgl in Tirol zu dem „Bürgermeister mit dem langen Namen“ geschickt. Der durchschlagende Erfolg des „Wirtschaftswunders von Wörgl“ war bis nach Amerika bekannt geworden. Kaum ist Scheiblers Bericht in New York, sendet NBC, die größte Radiostation Amerikas, einen Vortrag über das „Notgeld“ von Wörgl, das der Tiroler Gemeinde mitten in der Weltwirtschaftskrise wie über Nacht Arbeit und Brot gebracht hatte. Der Bürgermeister Unterguggenberger hatte so genannte „Arbeitswertscheine“ ausgeben lassen, die nach dem Prinzip des „verfallenden Geldes“ funktionierten. Im Dezember 1933 wurde Frankreichs Ministerpräsident Daladier durch Presseberichte aufmerksam und fuhr spontan nach Tirol. Aber da war schon Schluss mit dem Wunder von Wörgl: Die Wiener Nationalbank hatte interveniert und die Justiz hatte assistiert. Mit einem Verbot per Gerichtsbeschluss. Gleiche Experimente in anderen Ländern scheiterten ebenfalls an Verboten.

Umlaufsicherung in der Praxis (II.)

Historiker und Kunsthistoriker wissen es: Nie wieder wurden in Europa so viele Kunstwerke geschaffen wie wischen 1150 und 1450. Aber kaum ein Historiker hat je gefragt, warum. In jenem „Hochmittelalter“ war vor allem eines hoch: der Wohlstand der Bürger. Und hoch hinaus schossen auch die großartigsten Bauten Europas: Kathedralen und Dome, die fast ausschließlich mit Spenden der Bürger finanziert wurden. Wie war das möglich? In jener Zeit gab es ein sehr einfaches Steuersystem, das wie nebenbei eine Umlaufsicherung des Geldes erzeugte. Unregelmäßig wurden immer wieder neue Münzen (Brakteaten) ausgegeben, die mit einem Kurs von vier zu drei gegen die alten umzutauschen waren: vier alte gegen drei neue. Die Differenz waren die Steuern. Die Effizienz war die damit erzeugte Umlaufsicherung: Je weniger Geld einer in der Tasche hatte, desto weniger Verlust hatte er. Also gaben alle ihr Geld aus oder verliehen es, so dass der Kreditnehmer den „schwarzen Peter“ hatte. Der Effekt war ein ständig und schnell zirkulierendes Geld und eine florierende Wirtschaft. (Es gibt Experten, die das alles als „Märchen“ abtun. Das tut aber nichts zur Sache und kann einem denkenden Menschen sogar egal sein. Denn: Plausibel und damit lehrreich ist dieses „Märchen“ allemal.)

Inhaltsübersicht

Die Rendite-Diktatur und …

(1) … die Menschen
(2) … die Demokratie
(3) … die Wachstumsformel
(4) … die Arbeitslosigkeit
(5) … die Abzockautomatik
(6) … die Verschuldung
(7) … die Milliardäre
(8) … die Geldreform
(9) … die Bodenreform

Alle Teile des Dossiers sind in einem PDF zusammengefasst, das Sie herunterladen und offline lesen können: olbrich,hans-renditediktatur.pdf (171.20 KB)

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