HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
10.4.2006 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Die Rendite-Diktatur und die Verschuldung

Sechster Teil des neunteiligen Dossiers

Beitrag von Hans Olbrich

Die galoppierende Bundesverschuldung: Täglich 12 Millionen.

Noch zu Beginn der neunziger Jahre galt die Schweiz als Musterbeispiel für eine gesunde Finanzpolitik. Heute machen wir im internationalen Vergleich keine so gute Figur mehr. In den neunziger Jahren verdoppelte sich die öffentliche Verschuldung innerhalb eines Jahrzehnts, und seither wird sie jedes Jahr größer, wie die Berichte des Bundesamtes für Statistik ausweisen.

Was in solchen Berichten immer fehlt, ist der Hinweis auf die Tatsache, dass nicht die Schulden, sondern die Kosten für die Schulden daran schuld sind, dass die Schulden immer höher werden.

Die Internet-Suchmaschine Google bietet bei der Eingabe „Armut Schweiz“ rund 35.000 Seiten an. Was man dort zu lesen und zu sehen bekommt, sieht anders aus als das herkömmliche Bild von der reichen Schweiz. Die gibt es aber trotzdem - und mehr denn je, wenngleich dieser Reichtum woanders ist als beim „gemeinen Volk,“ nämlich bei wenigen Superreichen, die nur in Promille-Anteilen an der Bevölkerung messbar sind. Drei Promille der Steuerzahler - mit jeweils über 5 Millionen Franken privatem Kapital - verfügen über fast ein Viertel des gesamten Vermögens in der Schweiz. Dreißig Prozent der Haushalte besitzen hingegen gar keine ersparten Mittel. Und: In der Bundessteuerstatistik 2002 wurden 120.000 Millionärshaushalte ausgewiesen. Diese drei Prozent der Steuerpflichtigen haben so viel Vermögen wie die restlichen 97 Prozent zusammen. So steht es in einer Studie der Fachhochschule Basel aus dem Jahr 2002.

Was sich hier zeigt, ist ein Spiegelbild der Mechanismen des sich automatisch vermehrenden Reichtums auf der einen Seite und der sich analog vermehrenden Schulden durch Zins und Zinseszinsen auf der anderen Seite.

In der Publikation „dossierpolitik“ vom 18. Juli 2005 (economiesuisse) werden die Folgen dieser eigentümlichen „Lebendigkeit“ des Geldes für den Bundeshaushalt beim Namen genannt. Zitate: „Das Aufgabengebiet Finanzen und Steuern besteht fast gänzlich aus Ausgaben für die Vermögens- und Schuldenverwaltung. Im Jahr 2002 beanspruchte sie 8,6 Mrd. Franken. (...) Der Unterposten Vermögens- und Schuldenverwaltung besteht praktisch nur aus Zinsausgaben (7,7 Mrd. Franken) für Schulden der öffentlichen Haushalte. (...) Die Fehlbeträge der Vergangenheit sind die Schulden der Gegenwart, für die auch in der Zukunft Zinsen zu bezahlen sind. (...) Das massive Ausgabenwachstum bei Finanzen und Steuern von jährlich 7,1 Prozent zwischen 1990 und 2000 ist auf die unkontrollierte Entwicklung der Zinsausgaben zurückzuführen.“

Auch die Schweizer Unternehmen stehen unter Druck. In den letzten drei Jahren lag der jährliche Zuwachs der Insolvenzen zwischen acht und zehn Prozent. Im europäischen Durchschnitt nahmen die Insolvenzen zuletzt nur um ein Prozent zu.

Der Schweizer Steuerzahler mag angesichts solcher Tatsachen staunen - und sich trotzdem kaum Gedanken machen über die wirklichen Ursachen der „automatisch“ wachsenden Schulden, denen immer weniger reale Investitionen gegenüber stehen, sondern immer mehr Investitionen in den Reichtum der Gläubiger.

Auch die verantwortlichen Parlamentarier und Wirtschaftsführer scheinen immer noch keinen Anlass dafür zu entdecken, ihre Allgemeinbildung zum Thema Geld zu ergänzen. Wie auch, wenn noch nicht einmal Weltkriege dazu geführt haben, dass wenigstens Politiker in den betroffenen Ländern daraus gelernt hätten.

Dabei wäre es so vorteilhaft für die meist gescholtenen Finanzminister. Sie müssten nur endlich verstehen oder zugeben, dass zunehmende Staatsverschuldung nicht die Folge falscher Politik ist, sondern zwingend aus dem Fehler im Geld selbst resultiert.

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Verschuldung international und national

Verglichen mit dem Durchschnitt der OECD-Länder (2004) ist die Schuldenquote der Schweiz mit 55,7 Prozent relativ niedrig, aber nicht die niedrigste: In England sind es 43,4 Prozent, in Irland 29,3 Prozent. Die anderen europäischen Länder weisen höhere Werte auf. Bei unseren Nachbarn gehört der europäische Rekordhalter Italien mit 120 Prozent dazu, während Frankreich mit 74,0 Prozent, Deutschland mit 67,0 Prozent und Österreich mit 69,5 Prozent nicht wesentlich höher verschuldet sind als die Schweiz mit 55,7 Prozent oder 241.227 Millionen SFR (2003). „Zum Anstieg der Verschuldung unseres Landes trugen sowohl der Bund als auch die Kantone und Gemeinden bei, am stärksten jedoch der Bund, dessen Schuld von 11 Milliarden Franken im Jahr 1970 auf 122 Milliarden Franken im Jahr 2002 kletterte. Im Jahr 2003 sah es dann so aus: Schulden der Öffentliche Verwaltungen 241.227 Millionen SFR, Bund 124.308 Millionen SFR, Kantone 77.919 Millionen SFR, Gemeinden 39.000 Millionen SFR.“ (Bundesamt für Statistik 2003).

Inhaltsübersicht

Die Rendite-Diktatur und …

(1) … die Menschen
(2) … die Demokratie
(3) … die Wachstumsformel
(4) … die Arbeitslosigkeit
(5) … die Abzockautomatik
(6) … die Verschuldung
(7) … die Milliardäre
(8) … die Geldreform
(9) … die Bodenreform

Alle Teile des Dossiers sind in einem PDF zusammengefasst, das Sie herunterladen und offline lesen können: olbrich,hans-renditediktatur.pdf (171.20 KB)

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