Das grosse Los im neoliberalen Arbeits-Angebot:
Entweder Urlaubsgeld Los oder Arbeitsplatz Los.
Arbeitslosigkeit entsteht aus der ungleichen Konkurrenz
zwischen Arbeit und Kapital. Ein klassisches Thema, das aber meist so kompliziert
diskutiert wird, dass es kaum jemand versteht. Dabei ist die Sache sehr
einfach. Es gibt nur zwei Kostenarten: Personalkosten und Kapitalkosten -
gleich welche Differenzierungen und Komplizierungen vielerorts und vielerkopfs
da hineingedacht, -geredet und -geschrieben werden. Oft werden dabei die
„Materialkosten“ und die „Sozialkosten“ ins (Verwirr-)Spiel gebracht. Aber
Materialkosten bestehen selbst nur aus Personal- und Kapitalkosten, weil alles
Material aus der Erde kommt, die ja keine Rechnung schreibt. Und Sozialkosten
sind auch nur Personalkosten, weil sie aus Lohnkosten abgezweigt und dann als
Lohnersatzleistungen neu verteilt werden. Analog dazu besteht auch das
„Sozialprodukt“ oder Volkseinkommen eines Staates nur aus zwei Teilen: aus Arbeitserträgen
und Kapitalerträgen.
Hier sind wir am Kern aller sozialpolitischen
Auseinandersetzungen. Aber genau dieser Kern bleibt bei den alljährlichen
Betrachtungen der staatlichen Jahresbilanz möglichst unter dem Tisch: Wie hoch
ist der Anteil der Arbeitserträge und wie hoch ist der Anteil der
Kapitalerträge am Volkseinkommen? „Kapitalerträge“ sind nämlich nichts anderes
als Zinsen, die in private Tresore fließen.
Im Schweizer Bundeshaushalt steigt die Zinsbelastung immer
weiter an. Dabei steigt auch ihr Anteil am Volkseinkommen immer weiter, so dass
ein immer kleinerer Rest fürs Personal übrig bleibt, also für die Löhne und
Gehälter. Wenn dieser Restanteil immer kleiner wird, dann gibt’s wiederum nur
zwei Möglichkeiten: Entweder man streicht den Arbeitnehmern zum Beispiel das
Urlaubsgeld oder man streicht Arbeitsplätze. Oder man macht gleich „entweder
und oder,“ wie das jetzt immer häufiger geschieht.
Weil das natürlich auf Protest stößt, müssen erstens Gründe
für das Desaster und zweitens Lösungen für ein Ende des Desasters propagiert
werden. Als Ursache der Misere wird vor allem die Globalisierung genannt. Die
Worte „Kapitalkosten“ oder „Zinsen“ fallen dabei nie. Als Lösung des Desasters
wird „Wirtschaftswachstum“ propagiert. Mit anderen Worten: Existierende
Arbeitsplätze können nur weiter existieren, wenn es Wachstum gibt.
Da muss man doch fragen: Wer bekommt denn den Ertrag aus dem
Wachstum? Da muss doch ein Leck sein, aus dem ständig Geld verschwindet.
Wenn so etwas in Unternehmen passiert, sucht man nach
Leuten, die Geld unterschlagen oder Schmiergeld nehmen. Da gibt es zwei
Möglichkeiten: Man erwischt die Übeltäter oder die Kosten des Unternehmens
steigen immer weiter, so dass man entweder an vielen „Stellen“ sparen muss oder
eben „Stellen streichen“ muss. Oder man macht gleich „entweder und oder,“ wie
das jetzt immer öfter und immer dreister geschieht. Dann sind die einen zum
Beispiel ihr Urlaubsgeld los und die anderen ihren Arbeitsplatz los.
Warum war das früher anders?
Im „guten alten Kapitalismus,“ als die Zeit also noch nicht
so weit fortgeschritten war, waren auch die Zinsbelastungen noch nicht so weit
fortgeschritten. Jetzt und in Zukunft ufert die Vermehrungsmechanik aber aus.
„Du sollst nicht merken“ hieß ein sehr bekannt gewordenes
Psychologie-Buch. Was soll nicht gemerkt werden? Das: Zins ist die Umwandlung
von Zeit in Geld. So einfach ist das. Und so trostlos und so aussichtslos ist
das für alle, die für Geld nicht nur Zeit brauchen, sondern auch arbeiten müssen,
wenn sie dürfen. Dass das die meisten sind, ist einigen wenigen ziemlich egal.
Die haben genug Zeit, um aus Zeit genug Geld zu machen, um genug Zeit zu haben,
um... und so weiter. Wie wenige diese Wenigen wirklich sind, steht auf einem
anderen Blatt. Denn viele, die „auch“, aber nicht genug Geld angelegt haben und
Zinsen dafür bekommen, gehören ebenfalls zu den Verlierern im landesweiten und
weltweiten Zins-Monopoly.
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Kaum erwachsen - und schon arbeitslos
„Im Kanton Zürich droht den 20- bis 29-Jährigen lebenslange Armut. Die
Zahlen (...) sind Besorgnis erregend und bewegen sich über dem landesweiten
Durchschnitt: 9.490 Menschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren hatten Ende
Dezember 2003 im Kanton Zürich keine Arbeit. Oder anders ausgedrückt: Jeder
vierte Erwerbslose ist ein junger Erwachsener. Das bestätigt das Amt für
Wirtschaft und Arbeit (AWA). Eine Besserung ist nicht in Sicht.“
(Tagesanzeiger vom 19. August 2005)