HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
27.3.2006 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Die Rendite-Diktatur und die Arbeitslosigkeit

Vierter Teil des neunteiligen Dossiers

Beitrag von Hans Olbrich

Das grosse Los im neoliberalen Arbeits-Angebot:
Entweder Urlaubsgeld Los oder Arbeitsplatz Los.

Arbeitslosigkeit entsteht aus der ungleichen Konkurrenz zwischen Arbeit und Kapital. Ein klassisches Thema, das aber meist so kompliziert diskutiert wird, dass es kaum jemand versteht. Dabei ist die Sache sehr einfach. Es gibt nur zwei Kostenarten: Personalkosten und Kapitalkosten - gleich welche Differenzierungen und Komplizierungen vielerorts und vielerkopfs da hineingedacht, -geredet und -geschrieben werden. Oft werden dabei die „Materialkosten“ und die „Sozialkosten“ ins (Verwirr-)Spiel gebracht. Aber Materialkosten bestehen selbst nur aus Personal- und Kapitalkosten, weil alles Material aus der Erde kommt, die ja keine Rechnung schreibt. Und Sozialkosten sind auch nur Personalkosten, weil sie aus Lohnkosten abgezweigt und dann als Lohnersatzleistungen neu verteilt werden. Analog dazu besteht auch das „Sozialprodukt“ oder Volkseinkommen eines Staates nur aus zwei Teilen: aus Arbeitserträgen und Kapitalerträgen.

Hier sind wir am Kern aller sozialpolitischen Auseinandersetzungen. Aber genau dieser Kern bleibt bei den alljährlichen Betrachtungen der staatlichen Jahresbilanz möglichst unter dem Tisch: Wie hoch ist der Anteil der Arbeitserträge und wie hoch ist der Anteil der Kapitalerträge am Volkseinkommen? „Kapitalerträge“ sind nämlich nichts anderes als Zinsen, die in private Tresore fließen.

Im Schweizer Bundeshaushalt steigt die Zinsbelastung immer weiter an. Dabei steigt auch ihr Anteil am Volkseinkommen immer weiter, so dass ein immer kleinerer Rest fürs Personal übrig bleibt, also für die Löhne und Gehälter. Wenn dieser Restanteil immer kleiner wird, dann gibt’s wiederum nur zwei Möglichkeiten: Entweder man streicht den Arbeitnehmern zum Beispiel das Urlaubsgeld oder man streicht Arbeitsplätze. Oder man macht gleich „entweder und oder,“ wie das jetzt immer häufiger geschieht.

Weil das natürlich auf Protest stößt, müssen erstens Gründe für das Desaster und zweitens Lösungen für ein Ende des Desasters propagiert werden. Als Ursache der Misere wird vor allem die Globalisierung genannt. Die Worte „Kapitalkosten“ oder „Zinsen“ fallen dabei nie. Als Lösung des Desasters wird „Wirtschaftswachstum“ propagiert. Mit anderen Worten: Existierende Arbeitsplätze können nur weiter existieren, wenn es Wachstum gibt.

Da muss man doch fragen: Wer bekommt denn den Ertrag aus dem Wachstum? Da muss doch ein Leck sein, aus dem ständig Geld verschwindet.

Wenn so etwas in Unternehmen passiert, sucht man nach Leuten, die Geld unterschlagen oder Schmiergeld nehmen. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Man erwischt die Übeltäter oder die Kosten des Unternehmens steigen immer weiter, so dass man entweder an vielen „Stellen“ sparen muss oder eben „Stellen streichen“ muss. Oder man macht gleich „entweder und oder,“ wie das jetzt immer öfter und immer dreister geschieht. Dann sind die einen zum Beispiel ihr Urlaubsgeld los und die anderen ihren Arbeitsplatz los.

Warum war das früher anders?

Im „guten alten Kapitalismus,“ als die Zeit also noch nicht so weit fortgeschritten war, waren auch die Zinsbelastungen noch nicht so weit fortgeschritten. Jetzt und in Zukunft ufert die Vermehrungsmechanik aber aus.

„Du sollst nicht merken“ hieß ein sehr bekannt gewordenes Psychologie-Buch. Was soll nicht gemerkt werden? Das: Zins ist die Umwandlung von Zeit in Geld. So einfach ist das. Und so trostlos und so aussichtslos ist das für alle, die für Geld nicht nur Zeit brauchen, sondern auch arbeiten müssen, wenn sie dürfen. Dass das die meisten sind, ist einigen wenigen ziemlich egal. Die haben genug Zeit, um aus Zeit genug Geld zu machen, um genug Zeit zu haben, um... und so weiter. Wie wenige diese Wenigen wirklich sind, steht auf einem anderen Blatt. Denn viele, die „auch“, aber nicht genug Geld angelegt haben und Zinsen dafür bekommen, gehören ebenfalls zu den Verlierern im landesweiten und weltweiten Zins-Monopoly.

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Kaum erwachsen - und schon arbeitslos

„Im Kanton Zürich droht den 20- bis 29-Jährigen lebenslange Armut. Die Zahlen (...) sind Besorgnis erregend und bewegen sich über dem landesweiten Durchschnitt: 9.490 Menschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren hatten Ende Dezember 2003 im Kanton Zürich keine Arbeit. Oder anders ausgedrückt: Jeder vierte Erwerbslose ist ein junger Erwachsener. Das bestätigt das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Eine Besserung ist nicht in Sicht.“ (Tagesanzeiger vom 19. August 2005)

 

Inhaltsübersicht

Die Rendite-Diktatur und …

(1) … die Menschen
(2) … die Demokratie
(3) … die Wachstumsformel
(4) … die Arbeitslosigkeit
(5) … die Abzockautomatik
(6) … die Verschuldung
(7) … die Milliardäre
(8) … die Geldreform
(9) … die Bodenreform

Alle Teile des Dossiers sind in einem PDF zusammengefasst, das Sie herunterladen und offline lesen können: olbrich,hans-renditediktatur.pdf (171.20 KB)

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