Was beim Wachstum wächst, ist das Geld ohne Bedarf und der Bedarf ohne Geld.
Natürliches Wachstum hat Grenzen. Kein Baum wächst in den
Himmel, kein Mensch wird hundert Meter groß. Jeder Mensch weiß zudem, dass man
bei gleich bleibender Leistung und gleich bleibendem Einkommen nicht ärmer
werden kann. Warum also drohen Ökonomen immer Verluste an, wenn die Wirtschaft
„nur“ konstant bliebe? Da stimmt doch etwas nicht.
Warum eigentlich wird ohne Unterlass nicht nur nach Wachstum
gerufen, sondern sogar nach „mehr“ Wachstum? Die Antwort ist einfach: Weil es
das Zinssystem gibt, das Schuldensummen ganz von allein ins Unermessliche
anwachsen lässt. Um diesen Wahnsinn zu finanzieren, wird Wachstum gebraucht.
Ein Beispiel (nach: „Das Geldsyndrom“ von Helmut Creutz).
Anfang der achtziger Jahre konnte man US-amerikanische Staatspapiere kaufen,
die bei einer Laufzeit von dreißig Jahren zu zwölf Prozent verzinst wurden.
Bei diesen Papieren handelte es sich um so genannte Null-Coupon-Anleihen oder
Zero-Bonds. Auf diese Papiere werden die Zinsen nicht jährlich ausgeschüttet,
sondern der Einstandsgröße gutgeschrieben und mit Zins und Zinseszins nach
dreißig Jahren ausgezahlt. Hat also die
US-Regierung von einem Geldgeber 1982 zehntausend Dollar erhalten, muss sie im
Jahr 2012 rund dreihunderttausend Dollar zurückzahlen, also das Dreißigfache
des ursprünglich eingezahlten Betrages.
Wer zahlt die zweihundertneunzigtausend Dollar, die als
Zinsen für zehntausend Dollar dazu kommen? Das müssen die Staatsbürger
erarbeiten, bei denen der „Bedarf ohne Geld“ wächst wie in allen anderen
Ländern der Welt auch. So wächst Armut.
Wer bekommt die zweihundertneunzigtausend Dollar, die als
Zinsen für zehntausend Dollar bezahlt werden? Das bekommen die
Vermögensbesitzer mit „Geld ohne Bedarf,“ das man leicht verleihen kann. So
wächst Reichtum.
Wirtschaftswachstum wird also gebraucht, um Zinsen bezahlen
zu können, die vom Kapital beansprucht werden, wenn es sich der Wirtschaft zur
Verfügung stellt. Kapital stellt sich aber nur für solche Projekte zur
Verfügung, die „wirtschaftlich“ sind, also Rendite abwerfen. Also nicht für
Arbeitslose und Arme, Tierschutz und Umweltschutz, Sozialarbeiter und
Sozialprojekte, Kulturschaffende und Kulturprojekte. Denn die sind
„unwirtschaftlich.“
So wird nicht nur klar, warum die „dem Geld verfügbaren“
Politiker und Manager und Medienmacher unisono nach Wachstum rufen. In direkter
Folge wird auch klar, warum wir diese wachsende Rücksichtslosigkeit und zum
Teil schon kriminelle Art des Umgangs mit Mensch und Natur und Kreatur erleben.
Das nie da gewesene Maß an Ausbeutung, Vergiftung, Zerstörung hat seine
unmittelbare Ursache in dem ständig stei-genden Druck der Rendite-Diktatur. Und
die wiederum basiert auf dem existierenden Geldsystem, das in früherer Zeit
auch „Münze“ genannt wurde.
Der im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert lebende und
lehrende Mathematiker und Astronom Nikolaus Kopernikus erkannte schon in jener
Zeit die Gefahr, die vom Geld ausgeht. In einem seiner Traktate steht es unmissverständlich:
Das Übel, „welches von der Münze ausgeht, wird nur von
wenigen beachtet, und nur von solchen, welche ernster nachdenken, weil die
Staaten allerdings nicht beim ersten Anlauf, sondern ganz allmählich und
gleichsam auf unsichtbare Weise dem Untergang anheim fallen.“
„Gleichsam unsichtbar“ in unserer Zeit ist weniger der
Untergang als die Ursache des Untergangs. Und die ist ebenso zynisch wie die
Folgen, die wir landauf landab beobachten müssen und am eigenen Leib erleben.
Wie lange noch soll das Geschwätz vom Wachstum den Blick auf
die Tatsachen verstellen und das Volk wie die Lemminge zu den Klippen
komplimentieren?
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Das tödliche Wachstum
Was haben Atombombe und Krebs gemeinsam? Beide sind tödlich.
Beide funktionieren nach dem gleichen Prinzip, das in der Mathematik als
„exponentiell“ bezeichnet wird. Das ist eine regelmäßige, in gleichen
Zeitabständen stattfindende Verdoppelung von Ereignissen. Also eine enorme
Beschleunigung von Vorgängen, die zunächst langsam und dann immer schneller
ablaufen, bis es zur Explosion (oder Erosion oder Deflation) kommt. Ein
einfaches Beispiel dafür liefert die Geschichte von den Weizenkörnern auf dem
Schachbrett: Auf das erste Feld ein Korn, auf das zweite zwei, auf das dritte
vier und so weiter. Auf dem 64. Feld müssten so viele Körner liegen, dass die
ganze Weltproduktion dafür nicht reicht. Auch Geld vermehrt sich exponentiell.
Bei sieben Prozent Zinsen zum Bei spiel hat sich eine Million SFR nach zehn
Jahren verdoppelt und nach zwanzig Jahren vervierfacht und so weiter. So
wachsen Milliardärsvermögen. Und so soll die Wirtschaft wachsen. Immer weiter.