HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
20.3.2006 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Die Rendite-Diktatur und die Wachstumsformel

Dritter Teil des neunteiligen Dossiers

Beitrag von Hans Olbrich

Was beim Wachstum wächst, ist das Geld ohne Bedarf und der Bedarf ohne Geld.

Natürliches Wachstum hat Grenzen. Kein Baum wächst in den Himmel, kein Mensch wird hundert Meter groß. Jeder Mensch weiß zudem, dass man bei gleich bleibender Leistung und gleich bleibendem Einkommen nicht ärmer werden kann. Warum also drohen Ökonomen immer Verluste an, wenn die Wirtschaft „nur“ konstant bliebe? Da stimmt doch etwas nicht.

Warum eigentlich wird ohne Unterlass nicht nur nach Wachstum gerufen, sondern sogar nach „mehr“ Wachstum? Die Antwort ist einfach: Weil es das Zinssystem gibt, das Schuldensummen ganz von allein ins Unermessliche anwachsen lässt. Um diesen Wahnsinn zu finanzieren, wird Wachstum gebraucht.

Ein Beispiel (nach: „Das Geldsyndrom“ von Helmut Creutz). Anfang der achtziger Jahre konnte man US-amerikanische Staatspapiere kaufen, die bei einer Laufzeit von dreißig Jahren zu zwölf Prozent verzinst wurden. Bei diesen Papieren handelte es sich um so genannte Null-Coupon-Anleihen oder Zero-Bonds. Auf diese Papiere werden die Zinsen nicht jährlich ausgeschüttet, sondern der Einstandsgröße gutgeschrieben und mit Zins und Zinseszins nach dreißig Jahren ausgezahlt. Hat also die US-Regierung von einem Geldgeber 1982 zehntausend Dollar erhalten, muss sie im Jahr 2012 rund dreihunderttausend Dollar zurückzahlen, also das Dreißigfache des ursprünglich eingezahlten Betrages.

Wer zahlt die zweihundertneunzigtausend Dollar, die als Zinsen für zehntausend Dollar dazu kommen? Das müssen die Staatsbürger erarbeiten, bei denen der „Bedarf ohne Geld“ wächst wie in allen anderen Ländern der Welt auch. So wächst Armut.

Wer bekommt die zweihundertneunzigtausend Dollar, die als Zinsen für zehntausend Dollar bezahlt werden? Das bekommen die Vermögensbesitzer mit „Geld ohne Bedarf,“ das man leicht verleihen kann. So wächst Reichtum.

Wirtschaftswachstum wird also gebraucht, um Zinsen bezahlen zu können, die vom Kapital beansprucht werden, wenn es sich der Wirtschaft zur Verfügung stellt. Kapital stellt sich aber nur für solche Projekte zur Verfügung, die „wirtschaftlich“ sind, also Rendite abwerfen. Also nicht für Arbeitslose und Arme, Tierschutz und Umweltschutz, Sozialarbeiter und Sozialprojekte, Kulturschaffende und Kulturprojekte. Denn die sind „unwirtschaftlich.“

So wird nicht nur klar, warum die „dem Geld verfügbaren“ Politiker und Manager und Medienmacher unisono nach Wachstum rufen. In direkter Folge wird auch klar, warum wir diese wachsende Rücksichtslosigkeit und zum Teil schon kriminelle Art des Umgangs mit Mensch und Natur und Kreatur erleben. Das nie da gewesene Maß an Ausbeutung, Vergiftung, Zerstörung hat seine unmittelbare Ursache in dem ständig stei-genden Druck der Rendite-Diktatur. Und die wiederum basiert auf dem existierenden Geldsystem, das in früherer Zeit auch „Münze“ genannt wurde.

Der im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert lebende und lehrende Mathematiker und Astronom Nikolaus Kopernikus erkannte schon in jener Zeit die Gefahr, die vom Geld ausgeht. In einem seiner Traktate steht es unmissverständlich:

Das Übel, „welches von der Münze ausgeht, wird nur von wenigen beachtet, und nur von solchen, welche ernster nachdenken, weil die Staaten allerdings nicht beim ersten Anlauf, sondern ganz allmählich und gleichsam auf unsichtbare Weise dem Untergang anheim fallen.“

„Gleichsam unsichtbar“ in unserer Zeit ist weniger der Untergang als die Ursache des Untergangs. Und die ist ebenso zynisch wie die Folgen, die wir landauf landab beobachten müssen und am eigenen Leib erleben.

Wie lange noch soll das Geschwätz vom Wachstum den Blick auf die Tatsachen verstellen und das Volk wie die Lemminge zu den Klippen komplimentieren?

________________________

Das tödliche Wachstum

Was haben Atombombe und Krebs gemeinsam? Beide sind tödlich. Beide funktionieren nach dem gleichen Prinzip, das in der Mathematik als „exponentiell“ bezeichnet wird. Das ist eine regelmäßige, in gleichen Zeitabständen stattfindende Verdoppelung von Ereignissen. Also eine enorme Beschleunigung von Vorgängen, die zunächst langsam und dann immer schneller ablaufen, bis es zur Explosion (oder Erosion oder Deflation) kommt. Ein einfaches Beispiel dafür liefert die Geschichte von den Weizenkörnern auf dem Schachbrett: Auf das erste Feld ein Korn, auf das zweite zwei, auf das dritte vier und so weiter. Auf dem 64. Feld müssten so viele Körner liegen, dass die ganze Weltproduktion dafür nicht reicht. Auch Geld vermehrt sich exponentiell. Bei sieben Prozent Zinsen zum Bei spiel hat sich eine Million SFR nach zehn Jahren verdoppelt und nach zwanzig Jahren vervierfacht und so weiter. So wachsen Milliardärsvermögen. Und so soll die Wirtschaft wachsen. Immer weiter.

Inhaltsübersicht

Die Rendite-Diktatur und …

(1) … die Menschen
(2) … die Demokratie
(3) … die Wachstumsformel
(4) … die Arbeitslosigkeit
(5) … die Abzockautomatik
(6) … die Verschuldung
(7) … die Milliardäre
(8) … die Geldreform
(9) … die Bodenreform

Alle Teile des Dossiers sind in einem PDF zusammengefasst, das Sie herunterladen und offline lesen können: olbrich,hans-renditediktatur.pdf (171.20 KB)

Gratis, aber nicht umsonst:
Humonde braucht Ihr Engagement.