HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
13.3.2006 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Die Rendite-Diktatur und die Demokratie

Zweiter Teil des neunteiligen Dossiers

Beitrag von Hans Olbrich

Die Privatisierung von Demokratie, Solidarität und Freiheit

Große Vermögen bestehen üblicherweise zu hundert Prozent aus Kapitalerträgen, das heißt Zinseinnahmen, die ohne eigene Leistung erzielt werden. Aber Zinsen fallen nicht vom Himmel, sondern müssen von allen anderen erarbeitet und gezahlt werden, auch wenn sie keine eigenen Schulden haben. Mehr noch. Während jeder kleine Arbeiter oder Angestellte von seinem kleinen Lohn Sozialabgaben an den Staat abtreten muss, sind Kapitalerträge auch von solchen Abgaben befreit. Auf diese eigentlich doppelt skandalöse Art und Weise wird auf der einen Seite immer mehr Geld zu immer mehr Geld gehäuft und auf der anderen Seite immer mehr Mangel erzeugt. Die Folge sind immense Schulden von Bund, Kantonen und Gemeinden, kleinen Unternehmen und „kleinen“ Leuten.

Damit befindet sich aber die wirtschaftliche Realität einer absoluten Mehrheit der Schweizer Bürger außerhalb der von der Verfassung vorgegebenen Grundrechte wie Freiheitsrecht, Gleichheitsgrundsatz, Eigentumsrecht und Sozialstaatlichkeit.

Wie ist das möglich? Einfach so: Der Gesetzgeber hat das Geldsystem nie problematisiert und nie zum Gegenstand demokratischer Untersuchung und Entscheidung gemacht. Trotzdem nennt sich unser Staat demokratisch. Trotzdem steht in der Präambel zur Bundesverfassung der Schweizer Eidgenossenschaft, „dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“ Da muss jemand die Feder geführt haben, der nichts von den wirklichen Wirkmechanismen des Geldes versteht. Und also auch nichts davon, wie die Geldmacht mit ihren Privatisierungsansprüchen die Staatsmacht aushöhlt und ablöst.

Denn immer mehr weicht die sprichwörtliche eidgenössische Solidarität mit den Schwächeren einer neoliberalen Diktatur der Stärkeren, die nicht nur staatliche Leistungsbereiche privatisieren wollen, sondern auch die Entscheidungswege dahin. Dazu braucht man die Medien.

Mit der Konzentration des Kapitals wächst auch die Konzentration in der Wirtschaft. In allen Branchen entstehen immer größere Gebilde, deren Lobby nicht nur extern, sondern auch intern auf subtile Art und Weise Interessen schützt und durchsetzt. So auch bei den Medien, die selbst immer mehr zu einer neoliberalen Bewusstseins-Industrie umgezüchtet werden.

Welcher Redakteur einer großen Zeitung könnte es sich leisten, einmal den Zusammenhang zwischen Zins, Reichtum, Wachstumszwang, Arbeitslosigkeit und Armut so zu thematisieren, dass es verständlich ist für Leser, die darüber noch nie etwas gehört oder gelesen haben?

Aber wir haben doch „Pressefreiheit“ und „Meinungsvielfalt“, oder? Und da wird doch über alles berichtet, oder? Natürlich steht viel über Wachstum hier und Arbeitslosigkeit da und Staatsschulden dort zu lesen. Aber dem Leser werden nie die Zusammenhänge erklärt. Stattdessen wird er mit möglichst vielen „wissenschaftlich“ anmutenden Details überfordert, so dass er sein Unverständnis seiner eigenen Unfähigkeit zuschreibt und abschaltet. Das ist der eine Teil der „Pressefreiheit.“ Der andere ist leiser, da wird nur geschwiegen.

Wenn zum Beispiel ein großer Buchverlag plötzlich einen Titel herausbringt, in dem die bösen Streiche der Pharma-Industrie akribisch recherchiert nachgewiesen werden, dann findet man in den großen Konzern-Medien nicht eine einzige Rezension über dieses Buch. Ein Redakteur, der trotzdem so etwas versuchen wollte, wird entweder unbegründet gebremst oder aus ganz anderen Gründen gekündigt.

So pflegen Industriekonzerne, Medienkonzerne, Universitäten, Institutionen, Berufsverbände, Parteien und Personen mit verstehendem Nicken oder bei Bedarf mit harten Bandagen ihre gemeinsamen Interessen und Pfründe und Profite auf Kosten auch der Pressefreiheit und damit der demokratischen Freiheit.

Auch in den Wirtschaftswissenschaften ist es üblich und aus vielerlei Gründen persönlich dienlich, das Geld zwar akribisch zu „analysieren,“ nicht aber seine verheerende Wirkweise zu thematisieren. Und so verlassen immer wieder neue Wirtschaftswissenschaftler die Universitäten mit den alten, ehernen Glaubenssätzen, zu denen auch die Unantastbarkeit des Zinses gehört.

Tieferes Wissen über das Geld fehlt in der Allgemeinbildung des Schweizer Bürgers ebenso wie in den Bildungsplänen der Schulen. Dorthin werden aber „Schuldenberater“ geschickt, um die Folgen der neoliberalen Indoktrinierung junger „Zielgruppen“ zu bearbeiten. So wird durch reine Symptombearbeitung die Illusion von Freiheit genährt. So wird mit der halben Freiheit die ganze Freiheit ausgehebelt, wie sie in der Präambel zur Bundesverfassung der Schweizer Eidgenossenschaft gemeint ist. Dort steht nämlich auch, „dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht.“

Inhaltsübersicht

Die Rendite-Diktatur und …

(1) … die Menschen
(2) … die Demokratie
(3) … die Wachstumsformel
(4) … die Arbeitslosigkeit
(5) … die Abzockautomatik
(6) … die Verschuldung
(7) … die Milliardäre
(8) … die Geldreform
(9) … die Bodenreform

Alle Teile des Dossiers sind in einem PDF zusammengefasst, das Sie herunterladen und offline lesen können: olbrich,hans-renditediktatur.pdf (171.20 KB)

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