Die neoliberale Rendite-Diktatur bedroht Mensch und Natur. Eine zentrale Ursache hinter der sich mehrenden Arbeitslosigkeit, Not und Verzweiflung ist das herrschende Geld- und Bodenrecht. Dabei existieren Korrekturvorschläge, die nicht einmal existierende Besitzstände angreifen würden. Der folgende Beitrag ist Teil 1 eines neunteiligen Dossiers, das vor allem Zahlen und Fakten aus der Schweiz zitiert. Doch die zugrunde liegenden Mechanismen sind in fast allen Ländern so gut wie identisch.
„Wenn die Sprache ungenau ist, stimmt das, was gesagt wird,
nicht mit dem überein, was gemeint ist. Wenn aber das, was gesagt wird, nicht
mit dem übereinstimmt, was gemeint ist, kann das, was getan werden soll, nicht
ausgeführt werden.“
Konfuzius (551-479), chinesischer Philosoph
Die windige Ideologie der Neoliberalen und der Gegenwind
Angesichts der heutigen Zustände im „Neoliberalismus“ wird
es bereits gesellschaftsfähig, sich bei der Erwähnung des langsam vergilbenden
Begriffes „Kapitalismus“ eine nostalgische Träne ins Knopfloch zu stecken. Wir
haben nämlich keinen Kapitalismus mehr, sondern etwas Schlimmeres. Was hat sich
verändert?
Auch der „alte“ Kapitalismus war und ist die Umkehrung des
Sinns von Ökonomie, was Haushalten zum Wohl der Menschen bedeutet. Auch der
alte Kapitalismus betrieb und betreibt die pure Geldvermehrung zugunsten
einiger weniger auf Kosten von allen anderen vor allem durch den
Zinsmechanismus. Lange Zeit erzählte man sich so etwas nur hinter vorgehaltener
Hand. Denn noch immer stießen die kapitalistischen Raubzüge an Grenzen, zu
denen auch so etwas wie soziale Verantwortung gehörte.
Damit war es vorbei, als der böse Bruder im Osten als
propagandistisch-kritisch konkurrierender Gegner ausfiel und der entfesselte
Kapitalismus ausbrach.
Flugs wurde alter Wahn in neue Worte gegossen und eine
nunmehr von allen Skrupeln befreite Doktrin ausgerufen. Name: Neoliberalismus.
Dogma: Deregulierung. Begründung: Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung sind
nicht das Ergebnis der Marktwirtschaft, sondern der staatlichen Regulierungen,
die in die Gesetze des Marktes eingreifen. Nur der Markt ist vollkommen. Die
Menschen sind unvollkommen. Eine soziale Marktwirtschaft gibt es demnach nicht.
Auf dieser windigen Ideologie gründet das neue
Rendite-Regime. Seither wird weniger investiert als filetiert. Ganze
Unternehmen und ganze Volkswirtschaften - voran die ärmsten - kommen auf die
Schlachtbank einer neuen Art von „Investoren,“ die nur „investieren,“ um
auszuschlachten und mit Riesengewinnen weiter zu ziehen. Nach der kurzlebigen
„New Economy“ haben wir die „New Epidemy“ einer neuen Art von organisierter
Kriminalität.
Als wissenschaftlich-juristische Vertragspartner der
Regierungen fungiert vor allem die Welthandelsorganisation WTO mit ihren
Liberalisierungsverträgen. Mit solchen Verträgen werden öffentliche und soziale
Grundversorgungsunternehmen wie Wasserwerke und Schulen in allen Erdteilen der
Privatisierung preisgegeben. So betreibt eine weltweit agierende
Rendite-Diktatur die rigorose Bereicherung einiger weniger auf Kosten aller
anderen. Bei denen aber wachsen weder Wirtschaft noch Wohlstand, sondern
Arbeitslosigkeit und Armut, Verschuldung und Verzweiflung, Proletarisierung und
Brutalisierung. Und damit auch der neue Terror. Das alles nehmen die
neoliberalen Profiteure nicht nur in Kauf, sondern wollen es mit dem allgegenwärtigen
Ruf nach höheren Wachstumsraten auch noch beschleunigen. Dabei kommen alle
demokratischen Werte und Errungenschaften unter die Räder - und am Ende die
Demokratie selbst.
Doch kein Verlust ohne Gewinn. Ohne die Maßlosigkeiten von
WTO und Weltbank wären die zunächst nur von wachen Geistern erkannten Gefahren
gar nicht so schnell publik geworden. Da kam Gegenwind auf. Unzählige Umwelt-
und Menschenrechts-, Bürger- und Demokratiebewegungen schossen sich auf das
neue Regime ein, dem plötzlich eine gewaltige Gegenmacht gegenüber stand. Die
weltweit vernetzten Protestierer formierten sich so zahlreich, dass die New
York Times sie schon als „zweite Supermacht“ titulierte.
Da ruderten die Rendite-Diktatoren erst mal zurück,
zumindest verbal. Schnell wurde die altbewährte Puddingsemantik aus der
kapitalistischen Mottenkiste geholt. Konzerne und Konzernherren sprachen schon
immer gern von „Herausforderungen“ als Begründung für höhere
Leistungsanforderungen an die Mitarbeiter, höhere Forderungen an den „Standort“
und so weiter. Heute wird die Globalisierung als „Herausforderung“ bemüht und
als Begründung dafür verwendet, dass die Renditen höher und die Löhne niedriger
und die Arbeitsplätze weniger werden müssen, um im „weltweiten Wettbewerb
konkurrenzfähig“ zu sein. Dabei sind es die Konzerne selbst, denen die Märkte
zu eng und sogar Zwanzig-Prozent-Renditen zu wenig wurden. Sie selbst sind es,
die auf die weltweite „Öffnung der Märkte“ drängen. Die neoliberale
Globalisierung ist also nicht der Auslöser, sondern das Ergebnis der imperialen
Strategie von Großkonzernen und ihren Taktgebern.
Nur das früher allgegenwärtige Wort „Fortschritt“ fehlt in
der neuen Nomenklatur. Das traut sich nun doch keiner mehr. Umso verlogener und
deshalb so hartnäckig regelmäßig verwendet wird der Begriff „Wachstum.“ Während
bei dem ohnehin vorhandenen Wachstum ständig Arbeitsplätze verloren gehen,
versprechen die Wachstums-Posaunisten dem gezielt desinformierten und
verdummten Volk neue Arbeitsplätze, wenn nur das Wachstum schneller wächst.
Doch was bei diesem Wachstum wirklich wächst, sind die ohnehin schon immensen
Vermögen aus Zinsrenditen. Und die Arbeitslosigkeit.
Keine Begriffsverbiegung ist zu billig und keine Wortblase
ist zu banal, um Aufklärung und Aufbegehren zu verhindern. Aber noch gibt es
verfasste Demokratien, in denen man streiten und streiken und geldgefügige
Politiker und Parteien abwählen kann. Jeder hat die Wahl: Man kann sein
Fähnchen in den Wind hängen. Oder in den Gegenwind.
Was Staat und Bürgern bleibt
Zur Standardforderung der Neoliberalen gehört es, dass der
Staat sich aus der Wirtschaft heraushalten soll. Das wird immer gesagt. Und für
viele Gutgläubige klingt das nach florierendem Wettbewerb und wunderbar freier
Marktwirtschaft. Ungesagt bleibt, was dem Staat bei diesem ungehindert
neoliberalen Wirtschaften übrig bleibt: Die Arbeitslosen und die Sozialfälle
und die weiteren Umweltzerstörungen zum Beispiel. Der Staat als Abfallhalde der
Rendite-Diktatur. Ungesagt bleibt auch, was den Bürgern übrig bleibt:
Privatisierte Versorgungs- und Verkehrsbetriebe, privatisiertes Bildungs- und
Gesundheitswesen nach bekanntem Rezept. Höhere Kosten, mindere Qualität,
endgültige Ausgrenzung der Armen und Kranken, die nach neoliberaler Doktrin
selbst schuld sind.