HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
2.6.2005 | Druckansicht

Leben & Werte

Briefe an den Reichtum

Carl Amery und zwei Briefe von Hans Olbrich

Am 24. Mai 2005 starb Carl Amery. Wir trauern nicht nur um den bis zuletzt kämpferischen Geist für eine humane Welt, sondern auch um einen Mentor von Humonde (Einen Nachruf finden Sie auf der Website der ARD-Tagesschau.). Anfang 2004 saß ich bei ihm in seiner Münchner Wohnung zusammen mit Hans Olbrich, um ihm einen Brieftext vorzulegen, der die Gründung von Humonde ermöglichte. Hans Olbrich hatte den Brief an mögliche Geldgeber geschrieben, Carl Amery hat unterschrieben. Dann erzählte er uns von seinem Buchprojekt „Briefe an den Reichtum,“ das er als Herausgeber in Arbeit hatte und fragte Hans Olbrich, ob der einen solchen Brief als Beitrag liefern wolle. „Wie bitte? Ich? Also gut, ja.“ Im Frühjahr 2005 saß Hans Olbrich bei der Verlags-Präsentation des Buches neben Carl Amery auf dem Podium, um seinen Text in voller Länge vorzulesen - wohl auch, weil er den kürzesten aller Beiträge geliefert hatte. Länger dauerte es, bis ich von Hans Olbrich die Zustimmung zum Abdruck seines Textes erhielt, der ihm allzu persönlich geraten schien. Doch dann: „Is’ doch egal in meinem Alter.“ Hier folgt der ganze Text mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Verlags. (ts)

Buchbeitrag von Hans Olbrich

An einen jungen Freund

Ermunterung zum Abstand

Lieber Markus,

ich danke Dir für Deinen freundlichen Brief, den ich sehr aufmerksam gelesen habe, vor allem Deine Berichte über bestimmte Freizeiterlebnisse, und dann natürlich ganz besonders Deine Frage, wie es mir „eigentlich wirklich“ ging in der Zeit, als ich so alt war wie Du jetzt. Ich glaube, nicht nur die Frage gut verstanden zu haben, sondern auch den Grund für diese Frage.

Dass Du dies alles nicht Deinem Vater, sondern seinem (und wohl auch Deinem) ältesten Freund geschrieben hast, ehrt mich. Ich will nun versuchen, Dir eine Antwort zu geben, die Dein Vertrauen zu mir rechtfertigt.

Lass’ mich mit einer Erinnerung beginnen, die wir gemeinsam haben. Als Dir Deine Eltern vor fünf Jahren an Deinem einundzwanzigsten Geburtstag eröffneten, dass sie Dir den größten Teil ihres Vermögens überschreiben wollten und Deine Freude sich geradezu überschlug, sagte Deine Mutter plötzlich zu Dir: „Behalte Abstand, Junge.“ Du hast mit einem Lächeln geantwortet, bei dem Dein Gesicht wie ein einziges Fragezeichen aussah. Als ich jetzt Deinen Brief las, sah ich dieses Fragezeichengesicht wieder vor mir.

Und jetzt also zurück in die sechziger Jahre oder in meine zwanziger und dreißiger Lebensjahre. Damals führte ich ein ähnlich luxuriöses Leben wie Du jetzt. Ich hatte zwar nicht geerbt, aber frühes berufliches Glück, verdiente großartig, fühlte mich ganz großartig und lebte auch ganz großartig drauf los. Aber das hatte einen Preis, den ich damals nicht wahrnehmen wollte: exzessiv viel Arbeit, Zeit für alles und jede(n), nur nicht für mich selbst. Natürlich brauchte ich dann meine „Belohnungen.“ So entstanden unter anderem diese lustigen Geschichten, die Du ja zum Teil kennst. Und inzwischen kennen wir ja auch solche Geschichten von Dir. Ich war oft verblüfft, wie ähnlich sich das alles anhört.

Spätestens nach Deinem Brief nun komme ich nicht mehr darum herum, auch auf eine andere mögliche Ähnlichkeit zwischen Deinen und meinen Geschichten einzugehen, genauer: auf „die andere Seite des erfolgreichen Mannes,“ wie es einmal unter dem Titel „Die stille Verzweiflung“ auf einem Buch stand, das eine amerikanische Psychologin und Unternehmensberaterin über ihre Arbeit mit großen Bossen geschrieben hatte.

Als „repräsentatives Beispiel“ aus Deinem Brief und für meine Gedanken zu Deinem Brief möchte ich Deinen Gardasee-Abend herausgreifen. Kürzlich bist Du also zusammen mit Fabienne (bestimmt wieder mit ihren aparten Häkelhandschuhen?) von München aus „schnell mal zum Abendessen an den Gardasee gebraust,“ wie Du so flott formulierst. Das ist ja keine Kleinigkeit, auch mit einem neuen Jaguar nicht. Dazu hast Du mir geschrieben, dass Ihr „prominente Freunde“ dort getroffen habt und dass es „lustig“ war.

Ich glaube, dass es vor allem anstrengend war, vor allem die Rückfahrt. Ich weiß, wie die Stimmung des Fahrers spätestens dann erodieren kann, wenn die Begleiterin eingeschlafen und München noch weit ist. Ich weiß, wie weit entfernt von dem Mädchen auf dem Beifahrersitz und wie weit entfernt von sich selbst die Gedanken ins Rasen kommen können, um einem ganz bestimmten Gefühl auszuweichen, das sich in solchen Situationen einstellen kann. Ich glaube aus Deinem Brief entnehmen zu können, dass Du solche Gefühle kennst, sonst hättest Du nicht direkt im Anschluss an Deine Schilderung der Gardaseegeschichte die Frage folgen lassen, ob ich meine Erlebnisse solcher Art „immer nur toll“ fand. Meine Antwort: Nein.

Ich glaube zu wissen, was es ist, das Du da angedeutet hast. Lass’ es mich aus meiner eigenen Erfahrung zu beschreiben versuchen. Zuerst freute ich mich auf einen romantischen Platz in der Toskana oder einen rauschenden Opernabend in Mailand oder Wien (es musste ja immer was „Prominentes“ sein) - und dann stellte sich nach aller Euphorie plötzlich eine leise, subtile Art von Enttäuschung ein. Die ließ sich dann mit diesem oder jenem Detail „begründen“ oder rationalisieren, wie die Psychologen das nennen. Das wiederholte sich, und irgendwann fing es an wehzutun. Aber weil das erstens gar nicht zu den Erwartungen passte, die ich an solche Orte und Ereignisse geknüpft hatte, und weil das zweitens überhaupt nicht in das Bild passte, das ich mir von einem erfolgreichen und stets souveränen jungen Herrn gemacht hatte, habe ich diese Gefühle „bekämpft“ - paradoxerweise immer wieder mit genau den „Mitteln,“ die solche Gefühle auslösten. Ich erhöhte sogar die „Dosis“ der Mittel, die immer aufwändiger und teurer wurden. Aber auch eine glanzvolle Silvester-Gala in Wien brachte keine „Besserung.“ Im Gegenteil, auf der Rückfahrt blitzte erstmals Verzweiflung in mir auf: Warum kann ich diese Begeisterung und dieses Wohlgefühl, das dieser großartige Abend und das Neujahrskonzert am nächsten Tag mir gegeben hatten, nicht „behalten,“ nicht „mitnehmen?“ Eine heimliche Traurigkeit wurde zu meinem ständigen Begleiter, während ich immer mehr zu „machen“ begann.

Heute weiß ich, dass dieses „Machen“ und „Dabei sein wollen “ vor allem ein Kompensieren unangenehmer Gefühle war. Heute weiß ich auch, dass solche Kompensationsnot zu großen Leistungen antreibt. Bei mir war es die Agentur, die ich als Zweiunddreißigjähriger ins Handelsregister eintragen ließ, worauf ich furchtbar stolz war, ganz im Sinn des „Weisheitsspruches“ altpatriarchalischer Provenienz: „Hast du was, so bist du was.“

Heute denke ich, dass dieser Spruch im doppelten Sinn des Wortes lebensgefährlich sein kann. In einem Buch, das ich kürzlich für einen Freund geschrieben habe, steht dazu: „Aus solchem Weisheitsholz werden die zackigen Männer und die zickigen Frauen geschnitzt, an denen Kinder zerbrechen. Aus solchen Dummheiten entstehen Lebensläufe, die zu Lebenswettläufen geraten, deren Ergebnisse dann in den versteinerten Gesichtern alter Menschen nachzulesen sind.“

Verstehst Du, was ich damit meine? Jetzt sehe ich wieder Dein Fragezeichengesicht vor mir wie damals, als Deine Mutter „Behalte Abstand“ zu Dir gesagt hatte. Ich meine die in diesen alten Gesichtern eingegrabene Enttäuschung nach einem Leben, das diese Menschen für ihres gehalten, aber nicht selbst gestaltet haben. Gestaltet wurde es von Glaubenssätzen, die von Generation zu Generation weitergereicht werden, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Wie auch.

Wie auch soll ein Kind Widerstand leisten, wenn es bei jeder Gelegenheit hört: „Hänschen, was sollen denn da die Leute denken?“ Und wie soll dieses Kind später sein eigenes Leben gestalten, wenn diese Drohung unbewusst verinnerlicht wurde und dann ähnlich einem inneren Betriebssystem alle Entscheidungen beeinflusst oder gar bestimmt?

Oder wie soll ein in Ehren alt gewordener Arzt sich fühlen, der erst am Ende seiner Berufszeit begreift, dass er Handlanger einer mächtigen Industrie gewesen war, die - wie alle Industrien - statt ausschließlich dem Menschen ausschließlich der Rendite verpflichtet ist?

Oder wie soll sich mal ein siebzigjähriger Markus fühlen, wenn er dann erst - und dann wahrscheinlich angesichts weit größerer Katastrophen als heute - begreift, dass er sich zu wenig Gedanken darüber gemacht hatte, wofür das Geld verwendet wurde, das er geerbt und dann immer wieder neu angelegt hat?

An dieser Stelle möchte ich Dich fragen: Worum soll es in Deinem Leben denn wirklich gehen? Macht es Dir denn wirklich Freude, aus Geld immer mehr Geld zu machen, genauer: machen zu lassen? Oder macht es nur „Spaß?“ Oder auch das nicht mal?

Nein, lieber Markus, ich habe nicht den roten Faden dieses Briefes verloren. Meine Schmerzen damals und Deine möglicherweise ähnlichen Gefühle heute waren und sind nämlich Wegweiser, die einen Menschen vor dem unsäglichen Elend der Selbstentfremdung und ihren unsäglichen Folgen bewahren können.

Um Dir das nicht theoretisch, sondern ganz bildhaft zu erklären, erzähle ich Dir eine sehr persönliche Begebenheit aus meinem achtundzwanzigsten Lebensjahr.

Als jene unangenehmen Gefühle sich bei mir einstellten, nahm ich mir das Problem vor wie eine Beratungsaufgabe in meinem damaligen Beruf. Ich analysierte und konzipierte und wollte „die Sache auf den Punkt bringen.“ Am Ende stand eine Frage. Es war diese eine und aus meiner heutigen Sicht nicht besonders kluge Frage, wenngleich die „Richtung“ stimmte: „Was ist wichtiger: Gefühl oder Verstand?“

Ich war damals verheiratet. Neben meiner Frau lag ich viele Nächte wach und versuchte, die richtige Antwort zu finden. Ich erinnere gerade jetzt wieder, dass ich mit „Gefühl“ eher das Private und mit „Verstand“ eher das Berufliche, die Karriere, das Geld verbunden hatte. Naiv, aber wahr. Und so naiv war auch meine Entscheidung: Verstand.

Die Folgen: Zwei Jahre danach war die Ehe geschieden. Zehn Jahre danach fühlte ich mich wie von mir selbst geschieden. „Bon Jour Tristesse.“

Die Autorin dieses Erfolgsbuches der fünfziger Jahre hatte einmal in einem Interview gesagt: „Ich vergieße meine Tränen lieber in einem Jaguar als in der Met.“ Sie meinte die U-Bahn in Paris, nicht die Oper in New York. Mit solchem Unsinn versuchte ich mich zu trösten. Und kaufte den nächsten Porsche.

Und dann – ich war um vierzig – war es doch ein Buch, das mich buchstäblich „in Bewegung“ brachte, obwohl ich damals nur Zeitungen und Zeitschriften las. Aber in einer davon gab es diese Bestseller-Liste. Und darin sah ich einen Titel, der mich elektrisierte: „Haben oder Sein.“ War das nicht „meine“ Frage gewesen damals? Ich verließ sofort mein Büro, kaufte das Buch, ging in meine Wohnung - und erlebte ein Wunder. Ich empfand das ganze Buch wie einen persönlichen Brief des Autors an mich, der mir ebenso einfach wie plausibel erklärte, dass und warum mein Lebenszug über falsch gestellte Weichen gefahren war und dass ich alle Warnsignale übersehen hatte.

Das, mein lieber Markus, war der Anfang davon, dass ich mir heute überhaupt zutrauen kann, Dir diesen Brief zu schreiben, der eigentlich jetzt erst richtig beginnt. Du hast mich gefragt, ob ich „das alles wirklich so toll fand,“ was Du an „lustigen Geschichten“ aus meinen zwanziger und ersten dreißiger Lebensjahren kennst. Kurz nach dieser Frage steht auch das Wort „Sinn“ in Deinem Brief. Ich sehe darin die Andeutung einer weiteren Frage von Dir, vielleicht so: Hatte das alles denn einen Sinn? Meine Antwort: Ja.

Die einfachste, kürzeste und platteste Erklärung dazu wäre das bekannte „Aus Fehlern lernen“ und Punkt und tschüss. Aber dann bliebe das „Wie lernen“ und das „Was lernen“ offen. Das „Wie“ mache ich ganz kurz, weil das „Was“ weit wichtiger für Dich sein könnte.

Das „Wie“ nahm ich mit gleicher Konsequenz in Angriff, wie ich meine Entscheidung für den „Verstand“ umgesetzt hatte, wobei „Verstand“ ja nur deshalb so dumm war, weil ich ihn in Gegenposition gesetzt hatte zu „Gefühl.“ Den Begriff „Gefühl“ richtig zu verstehen und zu verwenden, ist wichtig. Denn: Auch die Menschen, die von Goebbels gefragt wurden, ob sie den „totalen Krieg“ wollten und „Jaaa“ schrieen, hatten ja ein Gefühl dabei.

Also als erstes verkaufte ich umgehend meinen „Laden,“ wie ich die Agentur immer nannte. Es war wie eine Erlösung. Erstmals in meinem Leben hatte ich keinen Stress mehr - ich meine wörtlich mein ganzes Leben bis dahin einschließlich Kindheit und Jugend - und konnte tun und lassen, was ich wollte. Eine neue, ganz andere Art von Neugier als vorher trieb mich zum Lesen ganz anderer Literatur als vorher und zum Diskutieren und Studieren und Experimentieren mit ganz anderen Menschen als vorher. Nach einem handfesten Rückfall ins Spektakuläre der alten Art - die „römische Romanze“ - hatte ich dann endgültig neue Inhalte und neue Ziele, auch in meiner Arbeit. Soviel zum „Wie.“ Jetzt zum „Was.“

Die Angst um die Liebe und Anerkennung von anderen ist in den ersten Lebensjahren das Überlebensmotiv und später ein Lebensmotiv aller Menschen. Dafür muss man es zuerst den Eltern recht machen wegen der Geborgenheit, dann den Lehrern wegen der Noten, dann dem Lehrherrn wegen der Karriere, dann der Karriere wegen des Geldes, dann dem Geld wegen des Lebensunterhalts. Hier scheiden sich nun die Geister: Den einen reicht das, den anderen reicht das nicht. Und die befinden sich dann auf der unendlichen Jagd nach „mehr.“ Mehr was?

Wollt Ihr mehr Geld? Wollt Ihr mehr Macht? Wollt Ihr mehr Liebe? Wieder würden alle „Jaaa“ schreien, ohne zu wissen, was der totale Krieg ist, auf den sie sich (auch da) einlassen.

Jetzt, mein lieber Markus, musst Du bitte mehr hindenken als ich hinschreiben kann. Also gleich die Essenz: Es geht nicht wirklich um mehr Geld, nicht wirklich um mehr Macht, nicht wirklich um mehr Liebe. Es geht in Wirklichkeit um etwas ganz anderes: Es geht um weniger Angst. Nicht Geld, sondern Angst regiert die Welt. Wer kein Geld hat, fürchtet sich davor, immer ohne Geld zu sein. Wer Geld hat, fürchtet sich vor dem Verlust dieses Geldes - und hortet oder spekuliert, um noch mehr Geld zu haben. Haben und Haben wollen ist immer mit Angst verbunden, genauer: von Angst beherrscht, noch genauer: von Angst getrieben. Mit der Macht und der Liebe ist es nicht anders. Wer keine Macht hat, ist ohnmächtig. Ohnmacht macht Angst. Wer Macht besitzt, hat ständig Angst, sie zu verlieren. Bei der Liebe ist es noch deutlicher: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Angst. Wer ohne Liebe lebt, ist nicht hasserfüllt, sondern angsterfüllt. Hass und alles Hässliche entstehen aus Angst.

Angst verhindert Liebe, und damit meine ich nicht „die Liebe“ wie Deine Liebe zu Fabienne, sondern die Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen einschließlich zu sich selbst. Aber weil „Liebe“ heute fast immer gleichgesetzt wird mit etwas, das man „kriegen“ und „haben“ will (und in das man sogar „investiert“), glaubt man sie wie Unternehmensanteile erwerben oder erkämpfen zu können. Und weil das nicht immer so einfach ist, muss es mit Macht erreicht werden. Und wenn Macht nicht so einfach zu erreichen ist, muss Geld her. Und wenn Geld und Macht da sind, muss wieder was gemacht werden, weil Haben wollen ein Vorgang ohne Ende ist. Und so rackern und rasen die unermüdlichen Jäger wie Gejagte durch die Welt, als hätten sie irgendwo ihre goldene (Lebens-)Uhr verloren, die sie wiederhaben wollen. Und so reitet der Ritter in der schimmernden Rüstung und mit dem schimmernden Schwert von Turnier zu Turnier auf der Jagd nach Trophäen, auch wenn die Königstochter längst eine der Trophäen war. Wie mag sich dieser ehrgeizige Rittersmann nur fühlen? Und wie fühlte sich der junge Ritter in seiner im Mondlicht schimmernden, britannischen Rüstung kürzlich nachts auf der Brennerautobahn? Oder viel besser: Wie fühlte es sich für ihn an?

Diese Art des Fragens nach dem „es“ kann mehr Klarheit ins Leben bringen als jedes noch so perfekte Analysieren, Konzipieren und Realisieren. Diese Art des Hinterfragens liefert die Wegweiser für den Weg zu sich selbst. Wer dort einmal angekommen ist, kann auch mal richtig „nichts“ tun, ohne gleich unruhig zu werden, oder allein sein, ohne gleich Angst zu bekommen und etwas „machen“ zu müssen. Wie sonst hätte ich mein Eremitenleben der letzten Jahre gut finden können?

Ein autonomes Selbst ist nicht mit dem Kopf allein zu erwerben und kommt auch nicht aus dem Kopf, sondern vor allem von dorther, wo die Täuschungen zu Enttäuschungen mutieren, damit ein Leben ohne Täuschungen möglich wird.

Noch mal, lieber Markus: Stelle diese Frage nach dem „es,“ wann immer etwas zu klären oder zu entscheiden ist und folge dem Ergebnis, das Du dann nicht nur erdenken, sondern auch erfühlen wirst. Es würde nicht lange dauern, bis Du den Unterschied zum „nur denken“ bemerkst, genauer: bis Du Deine wirklichen Motive erkennst und Deine Entschlüsse hier und da entsprechend korrigierst. Auch nach ganz kleinen „Berichtigungen“ dieser Art (sogar beim Schreiben eines Briefes) kann dann eine wärmende Berührtheit in Dir aufsteigen, die beglückender ist als alles andere auf der Welt. Ich könnte mir vorstellen, dass Du dann auch Deine Geschäfte anders betreiben würdest, zum Beispiel dass Du nicht zuerst darauf schaust, welche Rendite Du bekommst, sondern darauf, was für das Leben anderer Menschen dabei herauskommt - und damit meine ich nicht nur Fabienne und vielleicht einmal Eure Kinder. Wahrscheinlich erlebst Du dann eines Tages sehr bewusst den Unterschied zwischen billigem Triumph und echter Freude. Für diesen Fall und an diesem Tag wünsche ich mir einen Anruf von Dir.

Lieber Markus, Du trägst den Namen des Evangelisten, der in seinem zehnten Kapitel die Geschichte von dem reichen Jüngling erzählt (dass er jung war, hat ein Kollege des Markus berichtet), der den „guten Meister“ fragte, wie man das „ewige Leben ererben“ könne und daraufhin zu hören bekam, dass er alles, was er habe, den Armen geben solle. Was tat der junge Herr? „Er ging traurig davon, denn er hatte viele Güter.“ Es steht nicht geschrieben, dass er seine Güter geerbt hatte, aber es gibt ein Indiz dafür: Er wollte ja auch das ewige Leben „ererben“ statt erwerben.

Du hast mich in Deinem Brief zwar nicht nach dem ewigen Leben gefragt, sondern nach etwas aus diesem Erdenleben. Wenn Du aber das „ewige Leben“ in dieser Markus-Geschichte zum Beispiel durch „liebende Hinwendung zu allem Lebendigen“ ersetzt und das „alles den Armen geben“ zum Beispiel durch „alles dem Leben widmen,“ dann ist dieser Text immer noch lesens- und lebenswert.

Ich glaube, dass es in diesem Leben etwas zu erwerben gilt, das sich nicht ererben lässt, nämlich das Glück, sich selbst zu haben, statt abhängig von den „Gütern“ zu sein. Oder kürzer: Behalte Abstand, Junge.

Ermunternde Grüße vom „es“

Hans Olbrich in „Briefe an den Reichtum“ von Carl Amery (Hrsg.), Luchterhand Literaturverlag, München 2005. Mehr Informationen in den Humonde-Buchempfehlungen.

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