HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Jörg Altekruse
Jörg Altekruse (geb. 1955 in Dortmund), Studium der Germanistik und Psychologie in Marburg und Hamburg, Mitbegründer eines Kulturzentrums und einer Medienwerkstatt in Hamburg. Seit 1982 freier Autor und Filmemacher, seit 1985 mit eigener Produktionsfirma ZEITFILM. Zahlreiche Dokumentationen über Mensch, Technik, Kunst und Naturwissenschaften. www.zeitfilm.de
23.5.2005 | Druckansicht

Leben & Werte

Alternativen die sich rechnen

Vom 8. bis 13. Juni treffen sich 80 Träger des Alternativen Nobelpreises aus 40 Ländern in Salzburg zu einer internationalen Konferenz „Alternativen, die sich rechnen – Arbeit, Kultur, Menschenwürde“. Anlass ist das 25jährige Bestehen des Preises, der 1980 von Jakob von Uexküll aus dem Verkaufserlös einer wertvollen Briefmarkensammlung gestiftet wurde. Der Alternative Nobelpreis heißt offiziell „Right Livelihood Award“. Die mit 2 Millionen Schwedischen Kronen (rund 220.000 Euro) dotierte Auszeichnung wird jedes Jahr am Tag vor der Nobelpreisverleihung im schwedischen Reichstag an vier Preisträger vergeben. Im Interview zieht Uexküll eine gemischte Bilanz. Die Preisträger hätten heute sicherlich viel mehr Publizität und gelten bisweilen gar als der neue Mainstream. Gleichzeitig nehmen aber auch die Widerstände zu, weil machtvolle Interessen bedroht sind.

Interview von Jörg Altekruse

Jakob von Uexkull

Herr Uexküll, wie kamen Sie vor 25 Jahren dazu, den Alternativen Nobelpreis zu stiften?

Uexküll: Also, ich habe mich immer gewundert, warum wir mit Problemen leben, die wir eigentlich lösen können, denn es gibt ja viele Lösungen, die nicht ernst genommen werden. Und ich habe dann gefragt: Wie wird man ernst genommen? Und da war natürlich klar, wenn man einen Nobelpreis bekommt, wird man ernst genommen. Das habe ich erlebt, als ich in Schweden aufgewachsen bin. Deswegen mein Vorschlag dann an die Nobelstiftung, einen neuen Preis einzuführen für Ökologie und auch einen Preis für menschliche Entwicklung, der für die Länder der so genannten Dritten Welt relevant ist. Die Nobelstiftung hat das abgelehnt, obwohl ich auch anbot, da einen finanziellen Beitrag zu leisten. Und dann habe ich durch die Unterstützung, die ich für diese Idee schon bekommen hatte bei sehr vielen Menschen, dann gesagt, dann versuch ich es halt selbst, natürlich mit viel geringeren Mitteln. Ich meine, ich habe mit Briefmarken gehandelt, das ist weniger profitabel als die Erfindung von Dynamit - aber so ist der Preis entstanden.

Sind Ihre ersten Preisträger noch aktiv? Und stellte sich ihre Arbeit wirklich als so zukunftsweisend heraus, wie Sie gedacht hatten?

Uexküll: Der Architekt der Armen, Hassan Fathy, lebt ja nicht mehr, aber seine Arbeit ist mehr und mehr richtungsweisend. Er hat ja immer gesagt: Modernität, richtig verstanden, heißt, auf das aufzubauen, was bekannt ist. Das war ja bei ihm dann die Lehmbaukunst Nordafrikas, die seit Jahrtausenden funktioniert, aber durchaus modernisiert werden kann. Aber man dürfe nicht den Fehler machen, den die moderne Architektur macht, diese alten Kenntnisse einfach zu vergessen und zu verwerfen und als primitiv abzulehnen. Und der andere Preisträger des ersten Jahres, Plenty International, also diese Hilfsorganisation, die von amerikanischen Hippies gegründet wurde, ist auch noch immer aktiv und auch sehr relevant, weil sie wurde ja von Menschen gegründet, die sehr einfach lebten, und deswegen ein besseres Verständnis hatten für die Bedürfnisse der Menschen in der so genannten Dritten Welt als hoch bezahlte UN-oder Weltbankangestellte. Deswegen sind die Projekte von Plenty auch sehr erfolgreich.

Sie verleihen Ihren Preis an Menschen und Projekte, die Lösungen für die "großen Herausforderungen der Menschheit" bieten, wie Sie es nennen. Haben sich diese Herausforderungen in den vergangenen 25 Jahren verändert?

Uexküll: Ich glaube, sie sind schwieriger geworden, denn die ökologischen Herausforderungen sind ja sehr lange ignoriert worden, und die Grenzen des Wachstums werden jetzt wieder plötzlich entdeckt. Aber viel Zeit ist natürlich verloren gegangen, das heißt die Möglichkeit, der Zeitrahmen für einen geordneten Übergang ist viel kürzer geworden. Und deswegen ist er auch viel schwieriger geworden.

Haben es die Preisträger heute noch genauso schwer wie damals, für ihre Vorschläge Gehör zu finden? Oder sind Themen wie Frieden, Umwelt, Menschenrechte inzwischen im Mainstream angekommen?

Uexküll: Ja und nein. Sie haben sicherlich zum Teil viel mehr Publizität. Sie werden ja zum Teil nicht mehr als Alternativen gesehen, sondern als der neue Mainstream. Aber gleichzeitig ist auch der Widerstand stärker. Man sieht also: Die Interessen, die ja nun sich gefährdet sehen, reagieren natürlich auch entsprechen. Ich meine, als das nun kleine Alternativen waren oder als kleine Alternativen angesehen werden, da konnte man sie noch irgendwie zum Teil ermutigen und ihnen eine Nische überlassen. Aber wenn man jetzt sieht, dass hierdurch wirklich wichtige Machtinteressern bedroht sind, ist das natürlich zum Teil schwerer geworden. Das andere Problem ist sicher auch das der Medien im allgemeinen, dass man also diese Diktatur der sound bites, wie ich das sage, was ja auch aus den USA kommt, dass wichtige Probleme also kaum mehr die Möglichkeit haben, in den Medien breit diskutiert zu werden und komplexe Lösungen noch weniger, sondern dass alles auf Kurzfristigkeit angelegt ist.

Ein Blick in die Zukunft: Was wäre Ihr Wunsch, welcher Art von Initiative Sie in 25 Jahren am liebsten den Preis verleihen würden?

Uexküll: Also, ich hoffe, dass wir in 25 Jahren Preise vergeben an Initiativen, die sich mit der Lösung von Problemen beschäftigen, die nicht ganz so dringend sind wie heute. Da heißt, wir werden immer Reparaturen vornehmen müssen, wir werden sicherlich unsere natürliche Umwelt nicht geheilt haben, wie werden sicherlich nicht eine globale Gerechtigkeit eingeführt haben. Aber ich hoffe, dass wir nicht, wie heute, vor derartigen Bedrohungen stehen, also dass es immer um Überlebensfragen geht. Das ist mein Wunsch, dass also die Preise in 25 Jahren vielleicht nicht ganz so dringend sind, aber trotzdem gebraucht werden.

 

Das Interview führte Jörg Altekruse am 11. Mai 2005 in Hamburg.
http://www.rightlivelihood.org/

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