HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Kathleen Battke, © privat
Kathleen Battke, geboren 1959, Magister Artium in Germanistik, Anglistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, ist Beraterin für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, freie Texterin und Autorin. www.gluecksucher.de
1.2.2005 | Druckansicht

Praxis & Projekte

Frischzellenkur für erschöpftes Geld

Die Geldreformbewegung bricht eines der letzten Tabus unserer Zeit

Kathleen Battke begleitete die Autorin Margrit Kennedy, die bekannteste Impulsgeberin für Regionalwährungsinitiativen, auf einer Vortragsreise durch Süddeutschland.

Bericht von Kathleen Battke

„Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zur andern …“ So einfach dieser Kinderreim klingt, bringt er doch den geheimnisvollen Mythos ums Geld punktgenau zum Einsturz. Es ist eben wirklich ein Kinderspiel: Geld muss kursieren, um zu funktionieren. Jetzt fehlt überall Geld, was zur Krise führt. Aber das Geld ist nicht einfach weg: Es liegt. Es wandert nicht von der einen Hand zur andern, weil es auf der hohen Kante Zinsen oder demnächst noch billigere Preise erwarten lässt und damit wertvoller ist für seine Besitzer. So entsteht Deflation.

Dass das nicht mehr lange so weitergehen kann, bezweifelt zwar noch mancher lautstark, aber kaum mehr überzeugend. Was kommt dann? „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, war sich schon Friedrich Hölderlin sicher. Und so ist auch die aktuelle Geldkrise bester Nährboden für Experimente mit anderem Geld, für einen kreativeren Umgang mit dem scheinbar so knappen Gut.

Im November konnte ich eine der Impulsgeberinnen für das tatkräftige Experimentieren mit Währungen auf einer Vortragstour durch Süddeutschland begleiten: Margrit Kennedy denkt seit über 20 Jahren über Geld nach, hat damals und vor kurzem noch einmal ein Buch darüber geschrieben. Das erste zeigt die praktische Unmöglichkeit des jetzigen Geldsystems auf, das zweite, wie praktische Beispiele für einen anderen Umgang zu verwirklichen sind.

Seit knapp zwei Jahren reist Margrit Kennedy durchs Land und unterstützt mit Vorträgen regionale Initiativen, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Rund 50 Gruppen sind in den letzten 20 Monaten entstanden – mehr als in den zwei Jahrzehnten davor. Ein knappes Dutzend davon gibt mittlerweile eine eigene regionale Währung aus.

Regiogeld – Impuls zur Wertschöpfung in benachteiligten Regionen

In Hesselberg, eine von der Europäischen Union geförderte „benachteiligte Region“ zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb, versammeln sich an einem ungemütlich kalten Mittwoch um die Kaffeezeit 35 Menschen in der evangelisch-lutherischen Volkshochschule zu einem Seminar über „Komplementärwährung – Möglichkeit regionaler Wertschöpfung“. Es ist die erste Veranstaltung zum Thema Regiogeld; die Fragen nach den beiden Vorträgen sind entsprechend grundsätzlich.

„Wie soll ich denn mit dem Regiogeld einen japanischen DVD-Player kaufen, wenn die Währung nur hier bei uns gilt?“ Das Regiogeld funktioniert tatsächlich regional – also auch überwiegend für regionale Produkte und Dienstleistungen. Die machen immerhin durchschnittlich etwa 20 bis 40 Prozent des Alltagsbedarfs der Menschen aus. Alles andere wird wie gehabt weiter in Euro bezahlt. „Muss ich zwei Geldbörsen haben, wenn eine Regionalwährung eingeführt wird?“ Nein, nur eine mit zwei Fächern für Euro- und Regio-Scheine – Münzen prägen die Geldneuerer nicht.

Basisarbeit. Am Ende des Abends bleibt zurückhaltende Erwartung, ein wohlwollend-kritisches „Schaun wir mal“, eine Haltung, wie sie dem Menschenschlag hier entspricht, klärt uns Ute Vieting auf, die engagierte Regionalmanagerin und Initiatorin der Veranstaltung. Zu der geplanten Runde, in der jeder Anwesende über Mitmachinteresse und einzubringende Talente Auskunft geben sollte, reicht die Kraft nicht mehr. Und die Immer-Bereiten sind sowieso schon in anderen Arbeitsgruppen aktiv, die vor einigen Monaten nach der regionalen Zukunftskonferenz entstanden sind.

Die Veranstalter sind dennoch zufrieden: 35 TeilnehmerInnen waren mehr als erwartet, und fast alle sind bis zum Ende – immerhin 22 Uhr – geblieben. Das Thema ist damit in der regionalen Welt, es wird darüber nachgedacht und gesprochen, und ganz bestimmt wird es eine nächste Veranstaltung dazu geben.

Im El Dorado der Regionalwährungen: Sterntaler und Chiemgauer sind die Zugpferde der Geldbefreier

Ein Gegenbild zu den Mühen des Anfangs in Hesselberg bietet ein paar Tage später das „Erste Forum Nachhaltigkeit“ im ostbayrischen Mitterfelden. In dem Dorf, das zur 11.000 Einwohner starken Gemeinde Ainring an der österreichischen Grenze gehört, herrscht unsonntägliche Betriebsamkeit. Über 200 Menschen strömen in die Turnhalle (die, so wird mir versichert, sonst nie für „solche Veranstaltungen“ hergegeben wird): Bürgermeister und Pfarrer, Wirtschaftsförderer und Kunstschaffende, Lehrer und Schüler, Alte und Junge, Engagierte und Neugierige, Nachbarn und von weit Angereiste.

„Wer an Zukunft interessiert ist, ist heute hier“, sagt der Pastor, und scheint fast ein bisschen stolz auf seine Schäfchen. Die Veranstaltung soll die Regionalwährung „Sterntaler“, die schon seit mehreren Monaten im Umlauf ist, bei den hiesigen Honoratioren und Entscheidern bekannt machen und um deren Unterstützung werben. Und das gelingt.

Mit Integrationstalent und feinem Gespür hat Franz Galler, treibende Kraft der Regionalwährung und Erster Vorsitzender des veranstaltenden STAR e.V., die richtigen Leute eingeladen, auf die Bühne geholt, wertschätzend eingebunden. Der selbständige Finanz- und Anlagenberater wirft seine Eurokompetenz für den professionellen Aufbau der Nahwährung in die Waagschale – und es funktioniert: 13.000 Sterntaler (im Wert von einem Euro pro Stück) sind bereits im Umlauf.

Rund ein Drittel der 300 Mitglieder im Trägerverein STAR e.V. sind Unternehmen, die einen Teil ihrer Warengeschäfte über das Gutscheingeld betreiben. Der Verein wächst schnell. Das Besondere am Ainringer Modell: Es kombiniert Sterntalergutscheine mit Talenten, also Zeit. Das betont noch, was Franz Galler so bedeutend findet an den neuen Geldkulturen: Regionalwährungen sind Beziehungswährungen. Sie bringen Menschen in Kontakt und stärken den sozialen Zusammenhalt.

Zu der innovativen Gutschein-Talente-Kombination gratuliert an diesem Tag auch Christian Gelleri, Waldorflehrer aus dem nahen Prien am Chiemsee und Initiator des Chiemgauer. Er gilt als einer der ersten praktischen Pioniere der Geldreformbewegung. Sein Schulprojekt feiert im Januar 2005 zweijähriges Jubiläum – ein Ende des Experiments ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Die lockeren Youngster mit dem Geldbaukasten wagen die ersten Professionalisierungsschritte. Mit Leitbild, Arbeitsteilung und externer Beratung machen sie sich auf den Weg zum Unternehmen, das auch einmal echte Arbeitsplätze bieten will.

Was die Älteren ausfechten, schafft freie Bahn für die jüngeren Geschwister. Diese alte Familienweisheit stand Pate, als der jüngere Währungsbruder Franz Galler die Wegbereiterleistung von Christian Gelleri mit dem ersten Preis ehrt, den die neue Geldbewegung vergibt: Als STAR 2004 steht der Chiemgauermacher verlegen auf der Turnhallenbühne – und neben ihm Margrit Kennedy, für ihre Impulse und die argumentative Grundlegung der praktischen Regioprojekte quasi als Mutter der Bewegung ebenfalls zum STAR gekürt. Ein würdevoller, anrührender Höhepunkt dieser kraftvollen Veranstaltung.

Nach einem Tag, dessen Bedeutung für die Region und die Geldreformbewegung insgesamt die knisternde Aufbruchstimmung und frische Feierlichkeit nur ahnen ließen, senkt sich die neblige Novembernacht über die „Sterntaler-Gemeinde Ainring“ (so der Bürgermeister in seiner Rede). Die Morgendämmerung für Regionalwährungen hat erst begonnen.

Ein heißer Tip: Bildungswährung für Unternehmen

Auch den ersten Unternehmen dämmert: Nicht nur klassisches Geld bringt Gewinn. Eine Bildungswährung für Wissensmanagement und Personalentwicklung beispielsweise macht aus ihren Budgets zwar keine Goldgrube, aber eine erfrischende Quelle mehrfachen Nutzens. Das Modell eines nationalen Bildungsgutscheinsystems für Brasilien, das Margrit Kennedy beim Symposium für Führungskunst am österreichischen Mattsee als Beispiel für eine sektorale, also themenbezogene Währung vorstellte, leuchtete den Unternehmern ein.

Der Förderkreis Führungskunst e.V. richtete in Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsjunioren Rupertwinkel, den Aktivsenioren Bayern, dem Institut für Management Executive MBA Program und den Salzburger Nachrichten das Symposium unter dem Motto „Das Feuer hüten“ aus. Dieser historisch gesehen urweiblichen Aufgabe stellten sich im anregenden Ambiente der Genussakademie Mattsee rund fünfzig vorwiegend männliche Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung.

Wie Nachhaltigkeit auch im Führen zu schaffen wäre, ließ die Unternehmer unter anderem über „Komplementärwährungen als Baustein einer nachhaltigen Wirtschaft“ nachdenken. Der Funke sprang über: Zwei Vertreter eines Global Player mit knapp 20.000 Mitarbeitern ließen sich von der Idee anstecken, Bildung in ihrem Unternehmen über Gutscheine zu organisieren. Gutscheine, die durch mehrfachen Umlauf und besondere Rücktauschbedingungen aus dem zugrundeliegenden Budget den bis zu zehnfachen Nutzen generieren, sind für alle Bildungsanbieter ein Geheimtipp mit Sensationspotential. Es braucht jetzt ein paar Pioniere, die die Pilotprojekte wagen.

Wie verspeist man einen Elefanten?

Darüber zerbrechen sich von großen Aufgaben Erschreckte gern den Kopf. „Biss für Biss“, raten Weise und Pragmatische im Chor: Einen ersten Biss zu wagen lohnt sich für alle, die finden, solche regionalen und sektoralen Geldexperimente seien sozialromantische Träumereien und würden der globalen Dimension des Problems nicht gerecht. All business is local. Manchmal hat auch das alte Marketing noch recht.

Mut macht die Generation Geldreform: Quirlig, intelligent und nachdenklich, fit im Umgang mit Medien und vertraut mit allerlei Kulturtechniken der Moderne von Moderation über Öffentlichkeitsarbeit bis zum Konfliktmanagement, verpasst hier eine bunte Schar von Wagemutigen unserer erschöpften Wirtschaft eine Frischzellenkur. Nichts Traumverlorenes hängt diesen kulturell Kreativen an, wohl aber Visionäres und im besten Sinne Idealistisches. Selbstverständlich vernetzt jonglieren hier führungsstarke Teamplayer kompetent und eloquent mit Weltbankvokabular.

Entwaffnend erfinderisch, mit Spass und Leichtigkeit bei der Sache – harte Währung, easy going. Vielleicht erleben wir aktuell die Geburt einer neuen sozialen Bewegung. Was sich diese gesellschaftliche Energiereserve vorgenommen hat, ist mindestens so ehrgeizig wie die Ziele der Frauen-, Umwelt- oder Friedensbewegung vergangener Jahrzehnte: Es geht um die globale Kurskorrektur bei einem der letzten großen Tabus unserer Zeit.

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