HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Eugen Drewermann
Prof. Dr. Eugen Drewermann, Jahrgang 1940, 1966 zum Priester geweiht. Nach Promotion und Habilitation Privatdozent für Religionsgeschichte und Dogmatik in Paderborn. Im Oktober 1991 Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis. Seither Lehrauftrag für Kulturanthropologie an der Universität/GH Paderborn. Im Januar 1992 Entzug der Predigtbefugnis und Amtsenthebung als Subsidiar an St. Georg, Paderborn. Eugen Drewermann ist durch viele Buchveröffentlichungen und rege Vortragstätigkeit bekannt.
1.2.2005 | Druckansicht

Leben & Werte

Dostojewski und die Macht des Geldes

Es war weder der erste Vortrag noch der erste Beitrag zum Thema Geld von Eugen Drewermann. Die Deutsche Dostojewski-Gesellschaft und die Spielbanker in Wiesbaden hätten also gewarnt sein müssen vor dem Mann, der schon anderenorts der Macht des Mammons mit ebenso analytischer wie wortgewaltiger Schärfe in den Weg getreten war: „Hörend, was im Neuen Testament gesagt wird, frage ich mich immer wieder, wie es denn sein kann, dass der Mann aus Nazareth, den die verfassten Kirchen als den Erlöser der Welt bezeichnen, vor nichts im Himmel und auf Erden, nicht einmal vor dem Teufel, derart energisch gewarnt hat wie vor dem Geld.“ Hier folgt der von der Humonde-Redaktion in die Schriftversion übertragene, um einige Passagen gekürzte und durch wenige Hervorhebungen markierte Wortlaut eines Drewermann-Referates, zu dem die Deutsche Dostojewski-Gesellschaft in die Spielbank Wiesbaden eingeladen hatte. Dort nämlich war Fjodor Michailowitsch Dostojewski einst gewesen, um sich als Spekulant zu versuchen. (ho)

Vortrag von Prof. Dr. Eugen Drewermann

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Der Dostojewski-Gesellschaft muss man danken, die Spielbank von Wiesbaden aber in gewissem Sinne bewundern dafür, dass dieser Vortrag zu diesem Thema an diesem Orte möglich ist. Denn dies hier war im Jahre 1865 die Hölle für eines der größten Genies der Menschheit.

© Spielbank Wiesbaden

Dank und Bewunderung dafür, dass „dieser Vortrag an diesem Orte“ möglich ist: Innenansicht der Wiesbadener Spielbank

Dostojewskis Frau Maria Dimitrijewna war gerade gestorben, kurz danach sein Bruder Michail. Die gesamte Schuld der Familie hatte er übernommen. Mit 3.000 Rubel in der Tasche, die Vorauszahlung für zwei Romane durch seinen erpresserischen Verleger Stellowski, floh er hier nach Wiesbaden, arbeitete fieberhaft in einem armseligen Hotelzimmer an Raskolnikow, an Schuld und Sühne.

Ganze fünf Tage waren nötig, die 3.000 Rubel hier in der Bank zu lassen, und zu begreifen, dass in einer Spielbank nur die Bank gewinnt, weil jeder, der Geld bekommt, es nur bekommen kann durch den Verlust aller Mitspieler. Er aber – im Wahn, der Glückliche zu sein – hoffte sich zu bereichern, um den Preis des Totalverlustes.

Das Thema des Geldes hat Dostojewski begleitet seit der ersten geschriebenen Zeile seiner Bücher.

Natürlich, 1846, hat er die französischen Sozialisten gelesen: Saint Simon, Proudhon, „Eigentum, das ist der Diebstahl“. Dostojewski glaubte so nicht, denn die Folgerung daraus wäre gewesen, die kranke Gesellschaft auf den Operationstisch zu legen und alle Fäulnis aus dem Körper herauszuschneiden. Das wäre in seinen Augen so viel wie die Idee des Glaspalastes von der Londoner Weltausstellung gewesen. Das wäre das Glückseeligkeitszuchthaus, das in der Vision des Großinquisitors repräsentiert wird, der römischen Kirche. Es gibt keine Freiheit, keinen eigenen Gedanken, keine Verantwortung und keine Menschlichkeit. Was es gibt, ist eine wiederkäuende Herde, die ihr Gras aus den Händen der Mächtigen frisst und noch froh sein muss, dass man sie auf diese Weise aushält. Dostojewski glaubt nicht daran, dass man die Probleme des Menschen lösen kann durch soziale Reformspiele.

Sein erster Roman verkörpert ein Stück weit die Ahnung seines Grundansatzes Arme Leute.

Was er beschreibt, ist nicht einmal so sehr die Armut des Geldes als die Armseligkeit des Herzens. Der gutmütige Dewuschkin – wie er schon heißt, der ewige Hagestolz, sollte man sagen – liebt Warenka Dobrosjolova. Wie ein russischer Grillparzer aber wagt er nicht, seine Liebe wirklich zu vertreten und sich einzugestehen. Warenka liebt einen jungen Studenten, den Sohn eines haltlosen Trinkers. Aber heiraten wird sie grad ums Geld willen den Mann, der Sie beleidigt, geschändet und erniedrigt hat. Was ist die Ehe, wenn die Liebe käuflich wird – außer einer legalisierten, bürgerlich geordneten Form der auf Dauer gestellten Prostitution?

Belinski fand als Rezensent den Roman groß. Seinem Votum ist zu verdanken, dass selbst in der Sowjetunion dies fast der einzige Text Dostojewskis war, der ernstlich noch gelesen wurde. Aber die Wertschätzung basierte auf einem Missverständnis. Man begriff nicht die psychologische Virtuosität, mit der Dostojewski die Geldproblemantik aufgegriffen hatte. Als er im Jahr darauf in der Gestalt des Goljadkin den Doppelgänger präsentiert, eine brillante Studie über die Psychodynamik einer ausbrechenden Schizophrenie, gibt man sich irritiert, geradewegs enttäuscht.

Dostojewski lebt in Armut, seine Texte bringen nichts ein. Er selber bettelt herum in der eigenen Familie, lebt von Vorauszahlung zu Vorauszahlung.

Das Elend soll geendet werden durch das Projekt eines Großromans Njetotschka Neswanowa. Ein Künstler, so schreibt Dostojewski dort, hört sofort auf ein Künstler zu sein, wenn er das Motiv der Kunst zu dienen eintauscht gegen den Drang nach Ruhm und Geld. Der Roman kommt nie zustande, Dostojewski wird verhaftet. Zehn Jahre Sibirien warten auf ihn, aber noch in Semipalatinsk, kurz nach seiner Entlassung, wird er das Thema Geld ein Stück weit humorvoll karikierend neu aufgreifen.

Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner ist – wenn man so will – eine Nachdichtung nach Molières Tartuffe, der Geschichte des Rostanew. „Kann es nicht sein“, fragt Dostojewski, „dass ein Mensch, dessen Selbstbewusstsein durch Schande, Schmutz und Armut immer tiefer niedergedrückt wurde, statt einfach dem Druck zu erliegen, vielmehr in seiner Verkrüppelung immer größer wird?“ Opiskin ist ein solcher Mensch, dessen ramponiertes Selbstwertgefühl sich bildet an der Religion. Sie wird seine Waffe um Geltung und Geld von dem Gutsbesitzer zu erwirken, dem weichen, gutherzigen Wofkaniz Rastanew.

Kann es nicht sein, dass Religion unter einer bestimmten Verkleidung nichts weiter ist als die Heuchelei, der man sich bedient, um die Dummköpfe an der Nase herumzuführen?

Ich habe in dem Buch Jesus von Nazareth auf hundert Seiten verständlich zu machen versucht, für wie wichtig in der Botschaft des Mannes aus Nazareth die Thematik des Geldes ist. So sehr, dass er vor dem Geld mehr warnt als vor dem Teufel selber. Matthäus 6, 24: „Ihr müsst wählen zwischen Gott und dem Mammon. Ihr könnt nicht zweier Herren Diener sein.“ So bedingungslos, so konzentriert. Warum?

Dostojewski hat keine allgemeine Geldtheorie zur Verfügung, aber er glaubt natürlich nicht, was die bürgerliche Volkswirtschaftslehre uns weis zu machen versucht. „Geld ist das universelle Tauschmittel auf dem Markt.“ Genau das ist es nicht. Seine Herkunft liegt darin, dass man Schulden, die der eine beim anderen hat, auf Ewigkeit festschreibt, damit der Besitzende jede Forderung auf dem Markt einlösen kann. In Folge dessen gehören Geld und Zins augenblicklich zusammen. Denn das Geld, das in Notzeiten vergeben wird, ist eigentlich teurer als in den Zeiten, da ein Schuldner soviel gewinnen kann, um es zurückzahlen zu können. Dieser Unterschied zwischen der Not und dem Profit muss im Zins eingefroren werden.

Geld ist das Verfahren, die Menschen voneinander zu trennen in die Besitzenden und die Besitzlosen. Geld schafft den Vorteil auf dem Markt, ungleich besser mit der Ware Geld repräsentiert zu sein als mit so vergänglichen Angeboten wie Blumen oder Nahrungsmitteln. Wer Geld in den Händen hat, kann im Grunde jeden so lange zappeln und warten lassen, bis er ihm käuflich wird. Wir sind gewöhnt, dass Zins ganz normal ist, wie wäre er nichts weiter wie eine Verwaltungsgebühr bei den Banken. In Wirklichkeit ist er das Verfahren dazu, dass der Arme immer ärmer wird, und zwar gerade für die Zeit, die es dauert, dass er nicht zurückzahlen kann. Zwei Drittel der Menschheit verelenden in unseren Tagen – einfach durch den Zinsfuß. Er marschiert in eine Zukunft, die immer mehr Menschen ausschließt. Es war der Mann aus Nazareth, der nicht nur begriff, dass man keinen Zins nehmen sollte, sondern Jesus kann in Lukas 14 sogar sagen: „Wenn du jemandem etwas gibst, dann am ehesten dem, der es dir ganz bestimmt nicht wieder zahlen kann.“ (Denn der braucht es am meisten)

1865, hier in Wiesbaden, hat Dostojewski begonnen, seinen großen Roman Schuld und Sühne zu schreiben. Auch darin handelt er die Dämonie des Geldes aufs Tiefste und Traurigste ab.

Die Macht des Geldes in den Werken Dostojewskis gründet sich auf seine Fähigkeit, den Menschen ein Selbstvertrauen in die eigene Person zu schenken, das sie von sich her durch Selbstmisstrauen und verinnerlichter Verachtung nicht lernen würden.

In dem großen Roman Der Idiot schildert Dostojewski in einer ergreifenden Schlüsselszene, wie ein Mensch durch das Geld moralisch korrumpiert, ja vernichtet werden kann.

Der reiche Tozki hat die junge Nastassja Filippowna verführt und geschändet und hält sie aus seit fünf Jahren. Sie nimmt sein Geld, aber sie verachtet sich jeden Tag dafür. Nun soll sie verheiratet werden mit Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin. Das möchte auch die Generalsfamilie der Jepantschin. General Jepantschin nämlich möchte eine seiner drei Töchter just mit Tozki verbünden und verheiraten. Dies alles aus Schacher wegen Geld.

Nastassja hat irgendwann einmal gesprochen, sie sei zu haben für hunderttausend Rubel. Aber Rogoshin, der Krämer und Kaufmann – versippt mit einer ganzen Bande von anarchistischen Umtreibern, die bereits an die Gruppe um Stawrogin erinnern – hat diesen Ausspruch nicht als Absage genommen, sondern geradewegs als Einladung. An jenem Abend in einem Kreis von zehn halb Betrunkenen präsentiert er wohlverpackt zehn mal zehntausend Rubelscheine, das ganze Geld. Nastassja hat sich ihm versprochen, wenn sie das Geld nimmt.

Der Fürst ist erschrocken. Er weiß genau, dass Nastassja bereit ist, sich zu Grunde zu richten aus Schande und Stolz und er verspricht unmittelbar in diese Szene hinein, sie zu heiraten. Ja, er holt einen Brief hervor, in welchem ein Notar in der Schweiz ihm versichert, er werde gerade jetzt eine viel reichere Erbschaft antreten und die hunderttausend Rubel spielen vergleichsweise gar keine bedeutsame Rolle. Nastassja aber weiß, dass der Fürst in Wirklichkeit die Japantschin-Tochter liebt und dass er sich ihretwegen opfern will. „Kann ich denn das Angebot eines solchen Kindes annehmen?“ sagt sie herablassend, „er ist ja selbst ein Kranker, ein Kind noch.“

Und in Ihrem Stolz nimmt sie die hunderttausend Rubel weg von Rogoshin und erklärt Ihm: „Siehst du, all das Geld ist ja mein, also kann ich damit machen, was ich will. Aber wenn ich es nicht nehme für mich, gehöre ich dir nicht. Ganja Ardalionowitsch Iwolgin, siehst du die hunderttausend Rubel? Hier sind sie. Und ich werfe sie ins Feuer. Hörst du, wie der Holzstoß knistert? Hunderttausend Rubel! Ganja, du wolltest mich heiraten, du kannst die hunderttausend Rubel haben, du musst sie nur mit den Händen aus dem Feuer holen. Oh, ich werde deine Seele nackt sehen, ich werde sehen, wie du kriechst zum Feuer. Du verbrennst dir nicht die Hände, es geht sehr schnell. Hunderttausend Rubel, Ganja!“ Ein letzter Rest von Stolz wird Rogoshin bestimmen, zur Tür hinausgehen, doch es zehrt in seiner Seele so, dass er ohnmächtig am Portal zusammenbricht. Und Nastassja wird all das Geld nehmen und neben ihn legen, da soll er es haben.

Wie kann ein Mensch seinen Stolz bewahren, wenn er käuflich ist? Außer er schmeißt den Kaufpreis selber ins Feuer, besser als noch einmal wie Dostojewski in der Spielbank von Wiesbaden in die Hölle der Geldgier zu steigen.

Rogoshin bewundert Nastassja in diesem Augenblick wie eine Königin und weiß doch zugleich, dass er sie nie behalten wird. Noch am Tage, da sie dem Fürsten versprochen werden könnte, flieht sie vor dem Glück hinein in Rogoshins Arme. Und der, um sie endgültig zu behalten, wird sie ermorden.

Dostojewski wollte in dem Idioten das Porträt des erlösenden Christus in unseren Tagen malen. Und was er schildert in der Psychologie des Verrats an der eigenen Würde unter der Geißel der Macht des Geldes, ist die Unfähigkeit, auch nur einen einzigen Menschen zu retten, selbst wenn man sich für ihn opfern wollte. Zwischen dem Fürsten und zwischen Rogoshin, die beide wie zwei Brüder sind, belichtend wie Schatten einander bedingend, wird Nastassja zum Opfer des Besitzanspruches und des Loskaufs. Wann gelingt es Menschen, wirklich frei zu werden?

Im Jahre 1875 hat Dostojewskij in dem großen Roman Der Jüngling noch einmal und jetzt beinahe abschließend seine Betrachtung zum Thema Geld in einer subtilen Psychologie vorgelegt.

Arkadij Dolgorukaja ist in Wirklichkeit der Sohn Wersilows, eines reichen Gutsbesitzers. Er, als er fünfundzwanzighjährig verwitwet war, hat ein Auge auf Sophia Andrejewna Dolgorukaja geworfen, die Frau eines seiner Leibeigenen, und er hat sie gekauft und mit ihr zwei Kinder gezeugt – Arkadij und seine Schwester Lisa – und ist mit Sophia in den Westen gereist. Nominell bleibt Arkadijs Vater der Pilger und Gottesnarr Makar. Er selbst aber, Arkadij, wird in eine Pension gegeben. Dort wird man ihn schlagen, verleumden und seiner unehelichen Geburt wegen lästern. Denn Arkadij Dolgoruki ist ein seelischer Bastard aus dem bis dahin gewissenlos erscheinenden, am Rand der Schizophrenie dahinlebenden Wersilow und dem einfachen, grundgütigen Makar. Dazwischen steht der Jüngling und mit ihm die Frage seit hundertzwanzig Jahren, wofür wir, die wir uns erwachsen nennen, eigentlich unsere Kinder erziehen. Mit welchen Idealen?

Wir bedauern den Werteverlust unserer Jugend. In rechten Kreisen machen wir Propaganda für die Wertüberzeugung, die wir ihnen vermitteln. Aber begreift nicht ein jeder, dass, wenn in dieser Welt einzig das Geld der Wert setzende Maßstab ist und das einzige ist, was überhaupt Wert hat, indem es jeden beliebigen Gegenstand der Welt in einen Preis verwandelt, dass die Jugend dann an gar keinen anderen Wert mehr glauben kann als an das Ideal des Rothschild?

Der junge Arkadij wird glauben, was man ihm sagt. Ein Rothschild wird alles kaufen, Päpste, Bischöfe, Kirchen, Museen, Banken, was du willst. Also beschließt er, der Gehänselte, der Verfolgte, der Getretene in seiner Einsamkeit und Isolation, ein Rothschild zu werden. Er glaubt, darin originell zu sein und ist dabei nichts weiter als ein Sklave der Verführung seiner Gesellschaft. Aber originell bleibt Arkadij in der Art, wie er sich vorstellt, ein Rothschild zu sein. En passent lässt Dostojewski den Jüngling die Grundgesetze des Kapitalismus entwickeln.

Da Arkadij keine Kopeke in der Tasche hat, aber hörte, dass auf einem Wolgadampfer ein Bettler gefunden wurde mit fünftausend Rubel, muss es möglich sein, so findet er, durch Betteln vermögend zu werden. Die Vorraussetzung ist der absolute Verzicht auf Konsum. Geld kann erst dann Kapital werden, wenn es nicht dazu verwendet wird, persönliche Bedürfnisse zu befriedigen. Also beginnt Arkadij zu probieren, auf was alles er verzichten kann. Wie kann man die Nahrung einschränken? Wie lange kann man hungern, ohne ein Stück Brot anzurühren? Ein Mantel und ein Stück Tuch wird zersetzt durch die Härte der Staubpartikel. Hingegen eine Bürste mit Ihren feinen Haaren schont den Stoff, wenn man einen Anzug sechsmal am Tag damit bürstet, und er hält zwei Jahre länger. Und die Schuhsohlen nutzen sich ab, indem man sie einseitig belastet.

Zwei Jahre lang übt Arkadij, die Schuhsolen gleichmäßig aufzusetzen. Mit mathematischer Notwendigkeit wird er bei rechtem Gebrauch des Erbettelten zunehmend ein vermögender Mann werden. Er muss nur alles, was er bekommt sparen und sparen – zielgerecht für das Ideal eines Rothschilds. Und dann wird es sein. Schon auf einem beliebigen Flohmarkt kann er ein kleines Objekt erstehen, und wenn es nun gelingt, dieses Objekt mit einer gewissen Preisdifferenz höher an einen Liebhaber abzusetzen, wird die Gewinnspanne in den Verdienst eingehen. Er muss nur ein bisschen Kapital vorschießen. Das verwandelt sich in den Warengegenstand des Kapitals und dann in den Kapitalgewinn. Die Frage ist jetzt nur das Glückspiel bei der Suche nach dem richtigen Käufer, dem jeweils das angebotene Objekt mehr wert ist als demjenigen, dem es abgekauft wurde. Jederzeit bedarf es der höchsten Aufmerksamkeit und Kontrolle, denn in jedem Zeitpunkt ist der Umschlag von Ware und Kapital und Kapital in Ware zur Selbstvermehrung des Geldes in der Eigenzirkulation möglich.

Noch ist der Nobelpreis nicht vergeben für die Leute, die mit dem Verhökern von Milliarden von Derivaten rund um den Globus ihre Geschäfte machen.

Wir haben keinen Nobelpreis für die Not der Zweidrittel verhungernder Milliarden Menschen auf dieser Erde. Aber wie man noch reicher wird, indem man gar nicht mehr Geld gegen Waren oder Geld gegen Leistung oder zur Produktion investiv eintauscht, sondern gleich Geld zu Geld macht, dafür haben wir große lobende Auszeichnungen. Das verdient Beachtung, und Arkadij Dolgoruki will beachtet werden. Er spürt sehr deutlich, dass der neue Dämon Geld ihn stärker beherrschen wird als der Klostergott der römischen Kirche die Nonnen und die Mönche. Er muss autark leben. Er muss einsam leben in Isolation. Er muss äußerste Sparsamkeit geloben, nur so wird das Geld vorankommen. Geht es aber Arkadij wirklich um Geld? Tatsächlich möchte er mit Hilfe des Geldes Macht, und es wäre die Rettung aus seinem Selbstunwertgefühl, mittels des Geldes zu erleben, was ihm zufließt an Hochachtung.

Man sagt mir, dass mein Gesicht nicht ganz vorteilhaft sei. Aber wie nun, wenn ich ein Rothschild wäre? Würden nicht alle Frauen von selber kommen und sagen, er ist schön? Ich bin nicht unintelligent, aber wäre es nicht möglich, dass in jeder beliebigen Gruppe jemand säße mit einer noch höheren Stirn, ein Talleyrand? Aber wenn ich ein Rothschild wäre, was wäre dann Talleyrand? Geld, Sie verstehen, das ist die Macht der Ohnmächtigen, die Schönheit der Hässlichen, der Verdienst der Parasiten. Das ist die Intelligenz der Geistesschwachen, das ist die Stärke der Skrupellosen, das ist der Spielraum, der in jeglicher Empfindung Abgestumpften.

„Ja kann es nicht sein“, denkt Arkadij, „wenn ich erst einmal ein Rothschild bin, dass ich eines Tages hingehe und gebe all mein Vermögen hinweg und ginge unbemerkt im Kreis aller anderen, im Wissen dadurch noch ungleich größer zu sein als ein Rothschild? Ein solcher Gedanke auch nur wird mich speisen wie den Propheten Elias die Raben in der Wüste.“ Nur: Könnte Arkadij sein Geld von sich geben, das er gebraucht hat wie ein Suchtmittel? Kann er handeln wie ein Heroinkranker, der um auch nur den Alltag zu bestehen, immer wieder die Droge braucht, während er sich selber vorlügt, eines Tages wird’s kommen und er werde sie absetzen? Ist es nicht, dass Arkadij ein Verlorener ist, der beweist, dass, wenn man durch Betteln ein Rothschild wird, ein Rothschild selber der allergrößte Bettler ist? Welch ein Heilmittel haben wir in unserer Gesellschaft zur Rettung des Jünglings?

Es gibt kein anderes, als wie es Dostojewski in seiner komplizierten Romanhandlung erfindet. Arkadij wird sich verlieben, trotz aller negativen Vorurteile über die Frauen im Allgemeinen und die junge schöne Katerina Nikolajewna, Tochter des Fürsten Sergej Sokolski, bei dem er eben selber Dienst tut. Nikolajewna wird ihn in die hohen Kreise von Petersburg einführen, und für Arkadij ist das der Ruin. Er wird Schulden machen, er wird zum Spieltisch gehen, er wird beinahe ein Dieb. Er gerät über seinen Freund Lambert in alle möglichen kriminelle Kreise. Er muss entdecken, dass sein eigener Vater, Werßilow, wider allen Ernstes um die Hand der schönen Katerína anhält. Wie wenn seine eigene Mutter Sophia austauschbar wäre gegen jede Willkür. Er liebt und er hasst seinen Vater. Er sehnt sich nach einem Vater, den es nicht gibt.

Was Dostojewski wirklich sagen will: Das Geld ist nichts anderes als die Schöpfung umzuschreiben. Da es keinen Erzeuger gibt, musst du dich selber erzeugen. Deshalb ist das Geld der Gott, der Vater im Himmel und auf Erden, den du erfinden musst, den du materialisieren musst, weil du ein Nichts bist. Die Macht des Geldes ist diese Lüge, du könntest etwas werden, das du nicht bist, indem du etwas hast. Aber was bist du für ein Mensch dann, außer einem Betrüger dir selber gegenüber?

Es gibt für Arkadij keine andere Rettung, als dass sein juristischer Vater Makar – in gewissen Sinn sein Adoptivvater – krank zurückkehrt. In der Nähe dieses Mannes beginnt so etwas wie eine seelische Erholung. Makar verkörpert es: „Sorge dich nicht um den morgigen Tag! Hat nicht jeder Tag seine Mühe genug?“ Das soll Jesus gesagt haben laut Matthäus 4 zu allen, die übel daran waren, lauter Habenichtse und arme Leute. Und er hat Ihnen gesagt: „Schaut euch doch um! Hier wachsen die Lilien. Ihr beneidet König Salomo in all seiner Pracht und Herrlichkeit.“ Er hatte, wenn die Bibel historisch glaubwürdig wäre, über neunhundert Frauen und viele tausend Pferde und ganz gewiss prunkvolle Gewänder. Er lebte wie in Tausendundeiner Nacht und das scheint euch groß, weil er so viel Geld hatte, dass er sich alles leisten konnte. Aber Jesus meinte, ihr seid unendlich viel größer – ihr, die vermeintlich armen Leute, wenn ihr es begreift.

Sie erzählen euch, kaum dass ihr fünfzehn Jahre alt seid, ihr müsst für die Zukunft sorgen, und was ihr mit der Rente macht, wenn ihr fünfundsiebzig seid.

Aber so vergeudet ihr euer Leben. So kommt ihr niemals bei euch selber an. Am Ende habt Ihr nie gelebt. Heute zu sein bedeutete so viel Dankbarkeit des Glücks. Die Macht des Geldes gründet sich darin, dass sie einem Menschen verspricht, etwas zu sein, was er nicht ist. Die Macht des Geldes ist gebrochen, wenn wir begreifen, dass wir alles sind, etwas unendlich Kostbares in dieser Welt, etwas buchstäblich Unbezahlbares. Jeder von uns trägt solch ein Dichterwort in sich, eine Art Dostojewski an Sensibilität, an menschlichem Gespür, um aufeinander zuzugehen. Und immer dort, wo nicht Macht, sondern Einheit zum Ziel gesetzt wird, finden Menschen zueinander und verliert der Götze Geld seinen Spielsaal.

Gehen wir hinaus!

Dankeschön.
Mehr von Eugen Drewermann über Dostojewski und das Geld in dem Buch "Daß auch der Allerniedrigste mein Bruder sei", erschienen im Patmos Verlag 2004

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