HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
19.10.2004 | Druckansicht

Leben & Werte

„Reicher, fetter und nicht glücklicher“

Ein Gespräch mit Gary Gardner zum neuen Worldwatch-Bericht

Gary Gardner, Forschungsdirektor des Worldwatch-Institutes, stellte in Berlin gemeinsam mit Germanwatch die deutsche Übersetzung des Berichts „Zur Lage der Welt 2004“ vor. Er sprach mit Ralf Willinger über die globale Konsumentenklasse, über die dunklen Seiten des Konsums und über eine Vision des „guten Lebens“.

Interview von Ralf Willinger

Ralf Willinger: Herr Gardner, der Worldwatch-Bericht zur Lage der Welt hat dieses Jahr das Konsumverhalten der Menschen zum Schwerpunkt. Sie selber formulieren in Ihrem Aufsatz „Das Gute Leben neu denken“ eine Vision vom „guten Leben“. Wie sieht diese Vision aus?

Gary Gardner: Wir alle, die Politiker eingeschlossen, müssen umdenken und unseren Lebensstil ändern. Wir werden immer reicher und fetter, aber nicht glücklicher. Wir brauchen nicht mehr Geld, sondern mehr Lebensqualität. Psychologen haben in Studien herausgefunden, was uns wirklich glücklich macht. Neben der Befriedigung unserer materiellen Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken oder Wohnraum brauchen wir vor allem gute Beziehungen zu unseren Mitmenschen, gute Gesundheit, das Gefühl von Sicherheit und die Freiheit, um unsere Potentiale entfalten zu können. Warum werden unsere Volkswirtschaften nicht auf diese elementaren Bedürfnisse ausgerichtet, statt auf die Anhäufung von immer mehr Reichtum? Die Erfüllung dieser Bedürfnisse sollte das oberste Ziel jeder Regierung sein.

Der Lebensstil des Westens ist geprägt vom Konsumverhalten. Wie entwickelt sich dieses Verhalten derzeit weltweit?

Weltweit gehören 1,7 Milliarden Menschen zur globalen Konsumentenklasse, die ständig weiter wächst. Das sind Leute, die Zugang zu Fernsehen, Telefon und Computer haben und von den Konsummustern beeinflusst werden, die diese Medien dominieren. Der Konsum steigt nicht nur in den reichen Ländern ständig an, sondern auch in den wohlhabenderen Entwicklungsländern. Die Konsumentenklasse Chinas ist mit 240 Millionen Menschen genauso groß wie die der USA, die Indiens mit 120 Millionen genauso groß wie die Japans. Aber ein durchschnittlicher chinesischer oder indischer Konsument konsumiert natürlich immer noch weit weniger als ein amerikanischer oder japanischer. Die globalen Konsummuster sind vielleicht das größte Hindernis, um eine nachhaltige Welt aufzubauen.

Warum sind diese Konsummuster so problematisch?

Die gegenwärtigen Konsummuster haben eine dunkle Seite, die immer bedrohlicher wird. Zum einen werden die natürlichen Ressourcen unseres Planeten verschwendet und zerstört. Aber auch das Wohl jedes Einzelnen ist in Gefahr. Beispielsweise haben viele Menschen in den USA kaum noch Zeit für die Familie und für Freunde, weil sie zwei oder drei Jobs haben. Oft müssen sie mehrere Jobs annehmen, um ihre Schulden bezahlen zu können. Sie geben ihr Geld für Dinge aus, die sie nicht brauchen. Sie essen zu viel und leben ungesund, immer mehr leiden an Übergewicht. Hohe Schulden, Zeitmangel und Übergewicht sind die Folgen des konsumorientierten Lebensstils. Und die Politik ist dafür mitverantwortlich: Sie hat die existierende Infrastruktur des Konsums mit aufgebaut.

Dieses Gefühl, zum Konsumieren verführt zu werden, etwas gekauft zu haben, was man gar nicht braucht, hatte sicher jeder von uns schon einmal. Dennoch kann ja in einer demokratischen Gesellschaft letztlich jeder selber entscheiden, wie er leben will. Wären denn die Menschen überhaupt dazu bereit, ihren Lebensstil zu ändern?

Wenn man das Thema in den USA anspricht, ist die erste Reaktion der Leute: „Nein, ich will nicht verzichten.“ Sie sehen nicht den Zusammenhang zwischen den negativen Dingen in ihrem Leben – dem Zeitmangel, ihrer schlechten Gesundheit, den Schulden – und ihrem Lebensstil. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass die Menschen eigentlich das Richtige wollen, sie tragen die Lösung in sich. Denn was wir wirklich wollen, unterscheidet sich zurzeit von dem, was wir leben.

Wie kann man erreichen, dass die Menschen in Zukunft das leben, was sie wirklich wollen?

Man muss hier sehr behutsam vorgehen und den Boden bereiten. Niemand sollte einen neuen Lebensstil predigen. Stattdessen sollte man das Positive, die Vorteile des „guten Lebens“ verdeutlichen. Es ist wichtig, dass wir Anstöße geben, damit die Leute zusammenkommen, darüber diskutieren und nachdenken, wie sie leben wollen. Wenn sie dann aktiv werden – sei es politisch oder privat – müssen wir sie unterstützen.

Haben Sie einen Vorschlag, wie das von Ihnen geforderte weltweite Umdenken weg vom „immer mehr konsumieren“ hin zum „guten Leben“ stimuliert werden könnte?

Ja. Fortschritt muss künftig anders gemessen werden. Länder sollten in Zukunft nicht mehr mit ihrem Bruttosozialprodukt konkurrieren, sondern mit anderen Indikatoren, nämlich mit dem Wohlbefinden ihrer Bürger und mit dem ökologischen Zustand ihres Landes. Das Ziel muss sein, die höchstmögliche Lebensqualität der Bürger mit einem möglichst geringen Schaden für das Ökosystem zu verbinden.

Der Bericht „Zur Lage der Welt 2004“ ist im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen. Eine Kurzvorstellung des Buches finden Sie in unseren Buchempfehlungen.

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