HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
27.10.2004 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Kapital vor Personal ist unsozial

Über die (Un)Logik des Geldes

Die Situation unserer Gesellschaft ist weniger die Folge überzogener Ansprüche an den Sozialstaat als die der zunehmenden Ansprüche des Kapitals an das Sozialprodukt.

Aufsatz von Hans Olbrich

Die Ansprüche des Kapitals sind vorrangig zu bedienen

Das Wachstumstempo der Geldvermögen besteht immer weniger aus ersparten Arbeitseinkommen, sondern immer mehr aus Zinsgutschriften: Während die Wirtschaftsleistung von 1991 bis 2001 um 37 Prozent und die Nettolöhne nur um 23 Prozent wachsen konnten, stiegen die Zinsaufwendungen der Banken um 95 Prozent und die Geldvermögen um 100 Prozent. Selbst die Bundesbank schrieb in den frühen neunziger Jahren einmal von einer „Selbstalimentation der Geldvermögen“ durch Zins und Zinseszinsen. „Die müssen gezahlt werden" sagte der Finanzprofessor Peffekoven.

Immer mehr Ausgaben des Staates sind Zinskosten

Bundesfinanzminister Eichel selbst stellt den Beweis dafür bereit, dass der Staat gar nicht sparen kann, sondern die Schuldenspirale weiter in Gang halten muss, um nicht noch mehr Unternehmen in die Pleite und noch mehr Arbeitnehmer auf die Straße zu schicken. Dafür erfindet er immer neue Methoden, um die zunehmende Verschuldung zu verstecken. Durch „zinsgünstige Darlehen" zum Beispiel, um hier und da ein wenig zu helfen. Aber die Differenz zum „günstig“ schlägt wiederum im Bundeshaushalt zu Buche. Im Klartext: Immer mehr „Ausgaben" des Staates sind also wiederum nichts anderes als Zinskosten, ohne dass sie als solche im Etat deklariert werden.

Von den Staatsschulden profitieren nur die Kreditgeber

Die Summe der in den letzten dreißig Jahren gezahlten Zinsen zeigt eine auffällige Identität mit der Summe der öffentlichen Neuverschuldung. Das aber bedeutet nichts anderes als die frappierende Tatsache, dass die ganzen Kreditaufnahmen der öffentlichen Haushalte überhaupt nichts gebracht haben; denn es waren ja keine realen Einnahmen, die zusätzliche Mittel für Investitionen geschaffen hätten. Die Zinszahlungen haben nur eine Minderheit von Kapitalbesitzern, die übriges Geld dem Staat leihen konnten, in gleicher Höhe reicher gemacht: Von 1970 bis 2000 um rund 1.900 Milliarden DM oder 970 Milliarden Euro. Das ist der Löwenanteil an den heutigen Staatsschulden.

Auch wer keine Schulden hat, zahlt Zinsen

Zinsleistungen der Unternehmen gehen als Kapitalkosten genau so in die Produktpreise ein wie die Personalkosten. Rechnet man die Zinskosten in Arbeitszeiten um, dann musste jeder Erwerbstätige 1950 etwa drei Wochen pro Jahr, 1975 sieben Wochen und im Jahr 2000 bereits mehr als ein Vierteljahr nur für Zinsen arbeiten. Selbst bei dieser zunächst vereinfachten Rechnung fallen also 25 Prozent Zinsen an, die jeder zahlt, auch wenn er keine Schulden hat. Bei Preisen besonders kapitalintensiver Produkte oder Dienstleistungen wie zum Beispiel Raffinerieprodukte oder Wohnungsmieten liegt der Zinsanteil sogar zwei- bis dreimal so hoch („ein Haus bezahlt man zweimal“). Natürlich stehen diesen letztlich von den Privathaushalten zu zahlenden Zinslasten auch entsprechende Zinseinkommen gegenüber. Diese verteilen sich aber nicht analog zur Höhe der Ausgaben, sondern analog zur Höhe der zinsbringenden Vermögen. Und die sind auffällig ungleich verteilt: Nur zehn Prozent aller Haushalte sind die Gewinner, und diese Minderheit gewinnt dabei genau so viel, wie die anderen neunzig Prozent verlieren.

Geldvermögen und Schulden schaukeln sich gegenseitig hoch

Geld sammelt sich aufgrund der durch Zins und Zinseszins bedingten Vermehrungsmechanismen immer mehr in ohnehin überfüllten Kassen. Für die Wirtschaft nutzbar zu machen sind diese Überschüsse nur, wenn sie erneut über Kredite in den Kreislauf zurückgeführt werden. Damit wachsen die Schulden, die Zinsströme und die Konzentration der Geldvermögen immer weiter. Geldvermögen und Schulden schaukeln sich also gegenseitig hoch. Dadurch werden die Spannungen zwischen Arbeit und Besitz immer größer.

Dem Geld fehlt die sonst übliche Logik

„Geld muss zirkulieren, damit die Wirtschaft rund läuft“ – so sagen auch die Freunde des Zinssystems, und sie argumentieren, dass sie mit dem Zins eine „Belohnung“ erhalten dafür, dass sie ihr Geld über Kredite in die Wirtschaft zurückführen. Ebenso könnte ein Autofahrer mitten im Verkehr stehen bleiben und warten, bis ihm ein Polizist einen großen Geldschein durchs Fenster reicht, damit er bitte weiterfährt. Solche Sitte widerspricht den Prinzipien, mit denen die öffentliche Ordnung in jedem anderen Bereich aufrechterhalten wird. Niemand weiß, warum das nicht auch beim Geld geschieht. Der Effekt im Geldsystem wäre die legale Konkurrenz zwischen einer „Geld-Parkgebühr“ und dem Zins, der sich dann einfach nur noch nach den Mechanismen eines freien Marktes entwickeln würde. So ließen sich die Prinzipien der öffentlichen Ordnung und die Logik des freien Wettbewerbs auch für das Geld einführen.

Quellenhinweis: Die Daten wurden von Helmut Creutz recherchiert.

Gratis, aber nicht umsonst:
Humonde braucht Ihr Engagement.