HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
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Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
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Thomas Seltmann (Jahrgang 1972) ist Experte für nachhaltige Energiewirtschaft, Autor und Berater für Solartechnik ("Photovoltaik - Strom ohne Ende", Solarpraxis Verlag Berlin), untersucht und propagiert Alternativen zur herrschenden Ökonomie, engagiert sich für mehr Demokratie und hält Vorträge zu Themen wie "Überall fehlt plötzlich das Geld - warum eigentlich?" und "Mehr Wohlstand ohne Wachstum."
www.thomas-seltmann.de
29.10.2004 | Druckansicht

Arbeit & Soziales · Geld & Wirtschaft

Warum Arbeitslosigkeit?

Wirtschaftswissen ohne „schaft“

Arbeitslosigkeit entsteht aus der ungleichen Konkurrenz zwischen Arbeit und Kapital. Ein klassisches Thema, das aber meist so kompliziert diskutiert wird, dass es kaum jemand versteht. Dabei ist die Sache sehr einfach.

Beitrag von Hans Olbrich, Thomas Seltmann

Es gibt nur zwei Kostenposten

Wofür geben Staat und Wirtschaft überhaupt Geld aus? Es sind nur zwei Kostenposten, auf die sich alles wirtschaftliche Handeln zurückführen lässt, das Geld kostet: Personalkosten und Kapitalkosten – gleich welche Differenzierungen und Komplizierungen vielerorts und vielerkopfs da hineingedacht, -geredet und -geschrieben werden. Oft werden dabei die „Materialkosten“ und die „Sozialkosten“ ins (Verwirr-)Spiel gebracht.

Materialkosten bestehen aus Personal- und Kapitalkosten

Materialkosten gehören in die betriebswirtschaftliche Begriffswelt. Denn: Alles, was wir physisch sind und haben, kommt aus der Erde. Und die schreibt keine Rechnung. Kosten entstehen erst durch die Arbeit (Personalkosten) und durch das Kapital, das zum Herausholen und Weiterverarbeiten von Rohstoffen gebraucht wird, also zum Beispiel für den Bau und Betrieb von Werkzeugen, Maschinen, Fabriken, Verkehrsmitteln und -wegen, um Materialien zu bergen und zu transportieren. Und dieses Kapital kostet in unserem Geldsystem immer Geld (Kapitalkosten). Materialkosten bestehen also in Wirklichkeit nur aus Personalkosten und Kapitalkosten.

Sozialkosten sind Personalkosten

Sozialkosten sind nur Personalkosten, weil Sozialkosten aus Lohnkosten abgezweigt und dann wieder in Form von Lohnersatzleistungen neu verteilt werden.

Arbeitserträge und Kapitalerträge

Volkswirtschaftlich gesehen besteht auch das Sozialprodukt oder Volkseinkommen eines Staates nur aus zwei Posten: Arbeitserträge und Kapitalerträge. Arbeitserträge sind Löhne und Gehälter, Kapitalerträge sind Zinsgewinne. Selbst die Unternehmergewinne sind genau genommen Kapitalerträge plus ein vergleichsweise geringer Anteil Unternehmerlohn. Die Frage ist nun, wie die Anteile der Arbeitserträge und der Kapitalerträge am Volkseinkommen aussehen und warum sie so aussehen.

Kapitalerträge sind unantastbar

„Die Zinsbelastung steigt immer weiter an. An diesen Ausgaben ist nichts zu kürzen. Die müssen gezahlt werden.“ So der Finanzwissenschaftler Rolf Peffekoven in einem SPIEGEL-Interview. Der Zins ist also unantastbar. Und die Zinsbelastung steigt immer weiter an. Dabei steigt auch ihr Anteil am Volkseinkommen immer weiter, so dass auch nur ein immer kleinerer Rest fürs Personal übrig bleibt, also für die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer. Wenn dieser Restanteil immer kleiner wird, dann gibt’s wiederum nur zwei Möglichkeiten: Entweder man zahlt den Arbeitnehmern geringere Löhne und Gehälter oder man streicht dafür entsprechend viele Arbeitsplätze. Oder man macht gleich „entweder und oder.“ Bisher wurde in Deutschland vor allem das Streichen von Arbeitsplätzen praktiziert. Inzwischen ist man dazu übergegangen, zusätzlich zu den Entlassungen den verbleibenden Arbeitnehmern weniger zu bezahlen und zusätzliche Arbeitszeit abzuverlangen. Und weil das auf Protest stößt, müssen erstens Gründe für das Desaster und zweitens Lösungen für ein Ende des Desasters propagiert werden. Das Wort „Kapitalkosten“ oder „Zinsen“ fällt dabei nie. Ursachen der Misere sollen die Wiedervereinigungskosten und die Globalisierung sein. Als Ausweg aus der Misere soll das Wirtschaftswachstum wachsen.

Wiedervereinigung und Globalisierung als Gründe der Probleme

Oft wird die Arbeitslosigkeit mit den Lasten der Wiedervereinigung oder den Auswirkungen des neoliberalen Welthandels auf die deutsche Wirtschaft begründet.

Zur Wiedervereinigung: Diese Kosten waren zugleich ein gigantisches Konjunkturprogramm, denn das für den Ostaufbau eingesetzte Geld floss in Form von Investitionsaufträgen und Konsumausgaben in die Wirtschaft.

Zur Globalisierung: Im neoliberalen Welthandel rangiert Deutschland als „Export-Weltmeister“ vor den USA und Japan auf Platz eins. Laut Gewerkschaft ver.di sicherte der Exportüberschuss des Jahres 2003 rechnerisch 700.000 Arbeitsplätze.

Wachstum als Lösung der Probleme

Wir haben Wirtschaftswachstum, das seit 1950 einer nahezu unveränderten Geraden folgt und nur in Prozent gemessen kleiner aussieht, als es ist. Trotzdem sind die Arbeitslosenzahlen seit dreißig Jahren kontinuierlich gestiegen. Trotzdem ertönt täglich der Ruf nach Wachstum, um das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen. Arbeit entsteht aber nicht durch Wachstum, sondern Wachstum entsteht durch Arbeit.

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