HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Mathias Greffrath, © Erich Malter
Mathias Greffrath (Jahrgang 1945) war von 1991 bis 1994 Chefredakteur der Berliner „Wochenpost“. Er lebt als Publizist in Berlin und schreibt unter anderem für die „taz“. Sein letztes Buch „Attac – Was wollen die Globalisierungskritiker?“ erschien 2002 im Rowohlt Verlag, Berlin.
28.10.2004 | Druckansicht

Leben & Werte

Eigenverantwortlich geschossen

Tod in einer Zürcher Bank

Kommentar von Mathias Greffrath

Illustration: Tobias Buckel

Er hatte ein paar Tage Urlaub genommen, also Zeit zum Nachdenken gehabt. Vielleicht hatte er am Wochenende auf dem Balkon, mit Blick auf den See, ein Buch gelesen oder sich die Limmat hinabtreiben lassen, auf dem Rücken, in den wolkenlosen Himmel schauend. Das Wetter war danach.

Sicher ist nur, dass Helmut Binggeli am Montag pünktlich um acht Uhr die Filiale der Zürcher Kantonalsbank am Tessiner Platz betritt, an den Kollegen vorbei, die ihn erstaunt anblicken, weil er in Hemd und Hose kommt und nicht in Anzug und Krawatte. Er geht in den Sitzungsraum der Abteilung Vermögensmanagement, in der er seit 2001 arbeitet, in ungekündigter Stellung und mit guten Referenzen. Dort zieht er seine Armeepistole 49, die er als Sanitätsreservist zu Hause aufbewahrt und die er mit Neunmillimeter-Teilmantelgeschossen geladen hat, und schießt den Filialdirektor Martin Diethelm und dessen Stellvertreter, Ruedi Frey, jeweils zweimal in den Kopf. Als die Polizei eintrifft, sitzt Helmut Binggeli in seinem Zimmer, erzählt seinem Kollegen, dass er gerade zwei seiner Chefs getötet hat, und bittet ihn, den Raum zu verlassen. Dann erschießt er sich.

Am Tag darauf werden die Mitarbeiter der Bank mit Blumen und Frühstück empfangen, von den Psychologen eines „Care-Teams“ intensiv betreut und dann an ihre Schreibtische begleitet. Binggeli, so erklärt ein Sprecher, sei nie aufgefallen, er habe allerdings „gewisse Schwierigkeiten im Umgang mit dem Leistungsdruck“ gehabt. „Wer (den) nicht akzeptieren kann, hat in unserer Unternehmenskultur keinen Platz.“ Die „Zeit der Sozialromantik“ sei definitiv vorbei.

Damit alle mit diesem „außerordentlichen Erlebnis“ fertigwerden, sei ein „würdiger Rahmen“ geschaffen worden, „Kerzen brennen in den Gängen, das Kondolenzbuch ist da“, und die Betreuung durch Psychologen werde so lange weitergeführt, wie die Belegschaft es wünsche.

Am Donnerstag bekennt der Personalchef René Hoppeler, er habe so etwas erwartet: „Seit vor einigen Jahren ein Personalchef von einem Entlassenen erschossen wurde, ist das etwas, was ich versteckt mit mir herumtrage.“ Der „leistungsorientierte Führungsstil“ des neuen Bankchefs habe seit drei Jahren die „Unternehmenskultur“ verändert. Dazu gehöre auch, dass „ein Mitarbeiter erkennt, dass er nicht mehr mitkommt. Dann muss er einsehen, dass er handeln muss. Und zuletzt muss er auch bereit sein, die Konsequenzen zu akzeptieren, nämlich auf seinen Rang zu verzichten und weniger Salär zu erhalten. Dafür geht es ihm dann besser.“

In der Berichterstattung über den 56-jährigen Helmut Binggeli, der eine andere Konsequenz zog, kommt das Wort „Amok“ nicht einmal vor und auch keine Empörung. In den Kommentaren wird eine gerade Linie gezogen zu Leistungsdruck und den angekündigten Entlassungswellen im Schweizer Bankgewerbe – so sachlich wie bei den Ursachen von Verkehrsunfällen. Die Leserbriefe sind von verhaltener Sympathie für Binggeli. Er sei ein „ehrgeiziger und menschlich hochanständiger, ehrlicher Zeitgenosse“ gewesen, schreibt ein Kollege, „als stiller ,Chrampfer‘ bildete er sich ständig weiter und hätte viel zu sagen gehabt, so er denn auch gefragt worden wäre.“ Und eine Leserin kommentiert: „Das Wort ,Eigenverantwortung’ kann ich nicht mehr hören. Es kaschiert nur ein knallhartes Die-Schwächeren-sich-selbst-Überlassen.“ Helmut Binggeli habe „nur folgerichtig gehandelt. Er hat in voller ,Eigenverantwortung’ sein Schicksal in die eigenen Hände genommen.“

Ich habe die Geschichte von Herrn Binggeli auf der Durchreise im Zürcher Hauptbahnhof gelesen. Sie hätte mich anders berührt, wenn da nicht gleichzeitig dieses Frohlocken über das „Neue Deutschland“ gewesen wäre, das nun einen Präsidenten hat, der „die Straßen von Washington, die Globalisierung, das große Ganze“ kennt (Der Spiegel) und deshalb „die Deutschen“ mit „der Ökonomie“ versöhnen könne. Der Herausgeber der Zeit jubelt: „Die 35-Stunden-Woche ist Geschichte, das Land hat wieder Zukunft“. Und der Spiegel bietet die ausgewiesenen Ökonomen Jürgen Flimm, Joachim Fest und Peter Schneider auf: zum Lob der Lohnsenkung im Dienste des deutschen Aufschwungs.

Die Empirie des letzten Jahrzehnts und die Analysenfragmente in denselben Blättern legen eine andere Realitätssuche nahe: Unter den Rahmenbedingungen freier Märkte wird es kein Ende des Abwanderns arbeitsintensiver Produktionen geben und kein Ende der Rationalisierung in den kapitalintensiven Industrien. Die Selbsterhaltungskunst der ohnmächtig Regierenden besteht darin, die Armen so zu alimentieren, dass sie „populismusresistent“ bleiben (sprich: nicht mehr wählen), und die Schmerzgrenze der „neuen Mitte“ zu dehnen: Schon fordern die Minenhunde von Bild und Exportindustrie eine Woche weniger Urlaub oder die Fünfzig-Stunden-Woche.

Mit dem Populismus des Kapitals rufen Politiker und Meinungseliten das große „Wir“ aus. Laurenz Meyer fordert eine „emotionale Komponente, weil, wer sein Vaterland liebt, auch zum persönlichen Verzicht bereit“ sei. Josef Joffe empfiehlt „eine Prise Nationalismus“ als Opferschmiere, allenthalben wird die Trümmerfrauenzeit zur „Referenzepoche“ eines „New Deals des Verzichts,“ die Nation beschworen als Gefechtsgemeinschaft im „neuen globalen Verteilungskampf zwischen Deutschland und China“ (Horst Köhler). Wer soll an diese dünne Tünche glauben, solange die Opfer so ungleich verteilt sind, zwischen den Offizieren und den Muschkoten des Kapitals, den Staatsschuldgläubigern und den Steuerzahlern?

„Ich bin kein Patriot,“ sagt der Conti-Chef, „aber ich habe die Spielregeln der Marktwirtschaft verstanden.“ Das ist doch ein Wort, und Millionen andere haben es auch verstanden: das große, das neuzeitliche „Wir,“ das der demokratischen Arbeitsgesellschaft, zerfällt, in der Nation und in jedem einzelnen Betrieb, im Kampf der Gruppen und in der alltäglichen Triage zwischen den „Hochleistern“ und denen, „die in unserer Unternehmenskultur keinen Platz haben.“

Wie Helmut Binggeli. Es gibt viele Gründe, mit sechsundfünfzig den Boden unter den Füßen zu verlieren: das Ende einer Kleinfamilie, eine leer gewordene Ehe, der Schwund vertrauter Lebenswelten. Nichts davon findet sich in den kargen Abschiedszeilen. Binggelis Schüsse waren gezielt, sie kamen von einem, der das „Wir“ verloren hatte: das Gefühl, gebraucht zu werden, an dem Ort, an dem man abends sagt: „Na dann, bis morgen.“ Wer sein ganzes Ich darauf stellt, auf diese „betriebsbezogene Beruflichkeit“ oder gar auf illusionäre Gemeinschaften wie „die Deutschen,“ der sollte umlernen, oder er lebt zunehmend gefährlich.

Viele haben Rückenschmerzen, einige kriegen Platzangst, und manche haben eine Pistole. „Die große Maschine wird wohl bis zu Ende fahren,“ sagte der Freund, mit dem ich ein paar Tage nach der Zeitungslektüre im Zürcher Bahnhof an einem Wasserfall in den Bergen saß – ein amerikanischer Freund, mit vierzehn Tagen Urlaub im Jahr, privat versichert und sechsundfünfzig Jahre alt. Und dann stand er auf und sagte: „Wenn man zu lange in dieses Wasser blickt, wird der Sog so stark.“ Was man eben so denkt, wenn man ein paar Tage Urlaub nimmt.

Quelle: taz, 4.7.2004, Seite 11, „Meinung und Diskussion“. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der taz - die tagesezeitung.

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