HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Walter van Rossum, © OKAPI Susanne George
Walter van Rossum, Jahrgang 1954, arbeitet unter anderem für WDR, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau und Freitag. Er ist Autor des Buches „Meine Sonntage mit Sabine Christiansen“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.
1.8.2004 | Druckansicht

Macht & Medien

Sanierungsfall Deutschland: Widerspruch zwecklos

Kommentar von Walter van Rossum

Sonntags um 21.45 Uhr beginnen die Geier der Apokalypse ihren Flug. Dann stellt Sabine Christiansen unerbittlich Fragen, die in das Dunkel unserer Zukunft weisen: “Deutschland bankrott? Euro in Gefahr?“ Eine Woche zuvor: “Ist der Terrorismus noch aufzuhalten?“ Und ein andermal: “Später in Rente! Rettet das Deutschland?“ Leitmotivisch geht es darum, Deutschland erst in Gefahr zu wiegen, um es anschließend zu retten.

Jeden Sonntag wieder tritt eine neue repräsentative Auswahl des Juste-milieu an, jener politischen Richtung, die im Gefolge der Julirevolution entstand und nicht auf verbindlichen Prinzipien beruht, sondern von Fall zu Fall entscheidet, wo die wandernden Normen der Mitte liegen. Das Juste-milieu produziert pragmatischen Realismus, und bei Sabine Christiansen kann man ihm dabei zusehen. Hier wird verhandelt, was wir von der Realität sehen, in welchem Spielraum wir Probleme wahrnehmen und welche Maßnahmen wir uns von dieser so präparierten Realität aufgeben lassen.

Es tritt an: die Chefetage aus Politik, Wirtschaft, Lobby und Beratung. Die Deutschland-Rettungs-AG besteht aus einer kostbaren Mischung aus Multimillionären und mit abstrusen Sondervergütungen gemästeten Spitzenbeamten, die jeden Sonntag verkünden, dass Deutschland ein Sanierungsfall ist: „Wie krank ist Deutschland?“ (Juli 2001); „Wirtschaftsflaute, Streik – Bleibt Deutschland Schlusslicht?“ (Mai 2002); „Rauchen fürs Vaterland – Eichel am Ende?“ (Mai 2003); „Kassen leer, Nerven blank – Regierung ratlos“ (Mai 2004). Es geht schon nicht mehr um Reformen, sondern um Systemüberwindung. Stellvertretend formulierte das Ole von Beust: „Ich glaube, wenn wir im Moment die Chance nicht nutzen, zu sagen, es geht nicht mehr um Bausteine im System, es geht um einen notwendigen Systemwechsel in vielen Bereichen, vertun wir eine Chance.“

Sabine Christiansen bietet der großen Koalition der Systemüberwinder allwöchentlich die Chance, dem Publikum zu verkünden, dass die heilige Utopie des Kapitalismus erst mal ans Ende gekommen ist. Es sieht nicht so aus, als ob es so weiterginge, wie bisher versprochen: dass wir immer weniger arbeiten müssen und dabei immer mehr verdienen. Im Gegenteil: Die Wirtschaft muss zwar wachsen, aber dafür muss der „kleine Mann“ mehr arbeiten, weniger verdienen und seine selbst verschuldete Arbeitslosigkeit mit Sozialhilfe bezahlen. Dabei ist unsicher, ob er Arbeit findet und ob es „der“ Wirtschaft beliebt, einen 50-Jährigen noch zu beschäftigen. Trotzdem wird das Rentenalter raufgesetzt, und man sollte sich drauf einstellen, sich um drei Minijobs gleichzeitig zu prügeln.

Dieses Deutschland-Rescue-Team scheut keine Mühe, seine unfrohe Botschaft zu verkünden, und Sabine Christiansen gibt ihr Bestes, dass die Herrschaften dabei nicht gestört werden. So wird man in dieser Runde niemals hören, dass in den letzten zehn Jahren die Netto-Realeinkommen um mehr als vier Prozent gesunken sind, während die Wirtschaft um 15 Prozent gewachsen ist – mit den bekannten Ergebnissen. Bei Sabine Christiansen wird nicht diskutiert: Die Chefetage dekretiert ihre Zehnjahrespläne. Da es nichts zu diskutieren gibt, versucht man, uns mit der Androhung des Untergangs zu unterhalten. Hin und wieder wird nach Schuldigen gefahndet: „Die Stunde der Wahrheit: Wie viel soziale Gerechtigkeit können wir uns noch leisten?“ oder „Gewerkschaften, Beamte, Politiker – Wer blockiert das Land?“ Alle Antworten stehen schon vor Sendebeginn fest. Jeder dieser Katastrophentalks ist austauschbar. Kein menschliches Gehirn kann sich an etwas anderes erinnern als ein irres Lamento über eine verschnarchte Gesellschaft, die die Wirtschaft am Wachstum hindert: „Lässt die Regierung die deutsche Wirtschaft im Stich?“

Sabine Christiansen funktioniert als eine Tonspur in der Endlosschleife mit den stets gleichen Figuren, die bloß unterschiedliche Namen tragen. Transkribierte man die Palavermasse – 98 Prozent des Wortumsatzes ließe sich keiner Person oder einem eigenen Programm zuordnen. Heinrich von Pierer, Friedrich Merz, Wolfgang Clement mögen sich genetisch unterscheiden, rhetorisch tun sie es nicht. Der vordringliche Sanierungsfall im angeblichen Sanierungsgebiet Deutschland ist die intellektuelle Verfassung der Öffentlichkeit (oder ihres medialen Simulakrums) selbst. Das Zentralkomitee der Sabine-Christiansen-Demokratie wird irgendwann an den Folgen jahrelangen Inzests eingehen.

Friedrich Merz formulierte in der 250. Sendung am 29. Juni 2003 eine treffende Einsicht: „Ich finde, wir sollten Ihnen erst mal gratulieren zu dieser Sendung. Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag. Das betrübt mich, aber das ist ein großer Erfolg.“ Nun werden sich ältere Jahrgänge vielleicht nicht nur an den Bundestag erinnern, sondern auch daran, dass zur Demokratie auch unterschiedliche Programme gehören. In harmloser Pauschalisierung lässt sich sagen: Es gibt nicht nur keine politischen Programme (außer „Wirtschaftswachstum“), es gibt auch keine Unterschiede in den Als-ob-Programmen. Politik beschränkt sich darauf, dem Wähler angebliche Zwänge zu verkaufen. Sabine Christiansen als beflissene Chefsekretärin des Juste-milieu sorgt dafür, dass das so wenig wie möglich auffällt: Sie simuliert streitbare Demokratie. So wurde im vergangenen Jahr ein „Duell der Zuchtmeister“ Merkel versus Müntefering inszeniert. Mit aller Macht spielte die Moderatorin auf Differenz. Doch man erlebte nichts als einen erbärmlichen Familienkrach auf offener Straße. „Machen Sie damit, was Sie wollen“, entließ Christiansen ihr Publikum.

Im vergangenen Jahr, auf dem Höhepunkt der Systemüberwindungswut, die sich jetzt erst mal wegen der vielen Wahlen beruhigt hat, hat sie es geschafft, zu dem verwegensten Geniestreich politischer Vision, zur so genannten vorgezogenen Steuerreform, ein halbes Dutzend Sendungen zu moderieren. Es ging hoch her. Im Eifer des Gefechtes konnte einem glatt entgehen, dass ja niemand dagegen war, nicht mal in Details der Finanzierung gab es nennenswerte Differenzen. Man muss schon den Hut vor der Leistung der Moderatorin ziehen, der es gelungen ist, so zu tun, als ginge es hier, erstens, um eine wegweisende Entscheidung, die, zweitens, heftig umstritten sei. Im Sperrfeuer der großen Brandreden hätte man gern mal erfahren, welchen Beitrag eigentlich die vorgezogene Steuerreform zur Rettung Deutschlands liefert. Natürlich sollte es mal wieder irgendwie darum gehen, die total lahme Konjunktur anzuheizen oder, wie es in der unerbittlichen Rhetorik unserer Experten heißt: den Motor des Aufschwungs anzuwerfen. Bekanntlich wurde daraus nichts: „Advent, Advent – die Kasse klemmt!“ beendete Sabine Christiansen alle Hoffnungen, die allerdings nur in ihrer Sendung begründungsfrei keimen durften.

Andererseits wird über sehr viel folgenreichere fiskalische Maßnahmen kein Wort verloren: So hat die beiläufige Senkung der Körperschaftssteuern von 2001 bis 2003 zu Einnahmeausfällen von über 50 Milliarden Euro geführt. Manchmal ist es viel aufschlussreicher zu sehen, worüber bei Sabine Christiansen nicht geredet wird. Während vieles vor dem Publikum verborgen wird, wird manches auf unnachahmliche Weise zelebriert. Fast jede Sendung ist ein orgelumtostes Hochamt für den Gott des Wachstums. Es ist nämlich so: Geht es „der“ Wirtschaft gut, dann geht es „uns“ gut. Nur leider geht es der Wirtschaft nicht gut. Und daran ist der Rest der Gesellschaft schuld. Es gibt nur eine Rettung: Wachstum, Wirtschaftswachstum, für das die Arbeitenden wie die Arbeitslosen etwas weniger bekommen, aber mehr tun müssen. Gerne wüsste man Genaueres.

Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty bemerkte einmal: „Die interpretierte Religion ist die abgeschaffte Religion.“ Das scheint Christiansen bei ihren Göttern auch zu fürchten. Natürlich kann sie nichts dafür, dass sich die parlamentarische Vernunft darin erschöpft, als Grubenpferde „der“ Wirtschaft zu schuften. Aber sie müsste nur ein einziges Mal danach fragen, wie hohes kontinuierliches Wirtschaftswachstum zustande kommen soll ohne weiteren Verlust an Arbeitsplätzen und wie dieses Wirtschaftswachstum dann wieder einen einzigen neuen Arbeitsplatz schaffen wird? Dann allerdings drohte der Systemüberwindung bald eine neue Fragerichtung: Können wir uns diese Wirtschaft noch leisten? Doch wer 30.000 Euro – wie das „Managermagazin“ schätzt – pro Sendung erhält, muss sich natürlich nicht den Kopf über anderer Leute Arbeitsplätze zerbrechen. Andererseits sollte man von einer „Journalistin“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon erwarten dürfen, dass sie nicht nur als Durchlauferhitzer für Propagandarhetorik dient.

Das Weltbild, das bei Sabine Christiansen zusammengeplappert wird, ist nicht neu und keineswegs exklusiv. Es ist nicht einmal besonders „deutsch“. Doch im Sendegebiet der deutschen Kampfzone dürfte es keine politische Talkshow geben, die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht – und dabei eine unschlagbare journalistische Unbedarftheit an den Tag legt. Bei Sabine Christiansen staut sich der dräuende Fluss der Zeit zu einem schier uferlosen Teich. Alle Aktualität gerinnt zu kleinen Ewigkeiten. Jedes dieser hochartifiziellen Gespräche über angeblich hochbrisante Aktualitäten hätte (wie die vertauschte Neujahrsansprache von Helmut Kohl) auch ein Jahr früher oder später stattfinden können. Allenfalls beiläufige Requisiten der Zeitgeschichte müssten angepasst werden. Sabine Christiansen arbeitet Themen und Probleme in universelle Erzählstrukturen um – in Sagen, Legenden, Komödien, Tragödien, in Heldenepen und immer in ihr eigenes Märchen von dem armen Mädchen, die zur Chefsekretärin des Juste-milieu wurde, weil sie furchtlos eklige Politiker zu küssen wagte.

 

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