HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Geseko von Lüpke, © Ursula Widmann
Dr. Geseko von Lüpke, Jahrgang 1958, ist als freier Journalist für Zeitungen und Rundfunk sowie in der ökologischen Erwachsenenbildung und in der initiatischen Naturarbeit (Visionssuche) tätig. Seit fünfzehn Jahren berichtet er über neue Denkansätze in Ökologie, Bildung, Wissenschaft, Religion und Kultur.
1.8.2004 | Druckansicht

Leben & Werte

Konkurrenz für zwei Konkurrenten: Die zweite Supermacht

Geseko von Lüpke im Gespräch mit Nicanor Perlas

Nicanor Perlas, Jahrgang 1950, gilt als führender Umweltaktivist der Philippinen und wurde zur Schlüsselfigur des Kampfes gegen eine ungebremste Globalisierung. Sein Engagement begann er im Kampf gegen die Atomenergiepolitik des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos. Nach dem Sturz der Diktatur gründete Perlas das Zentrum für alternative Entwicklung. Als Berater der Auqino-Regierung trug er zum Ausstieg aus der Atomenergie bei. Er engagierte sich für einen Kampagne gegen den Einsatz von Pestiziden, setzte das Verbot von 32 Präparaten durch und gründete die Stiftung für nachhaltige Landwirtschaft‚ die in 23 Provinzen des Landes mit Bauern am Umbau der Landwirtschaft arbeitet. In diesem Zusammenhang begründete er ein Bankensystem (Lifebank), dass Kleinbauern das Überleben sichern soll. In seinem Land plädiert er für eine Kombination aus verantwortungsvoller Füh-rung, nachhaltigem Wirtschaften und einer starken Zivilgesellschaft. Den Ausdruck „Die zweite Supermacht“ (The Times) verwendete Nikanor Perlas auch in dem hier folgenden Gespräch, das Geseko von Lüpke mit ihm führte. (ho)

Interview von Dr. Geseko von Lüpke

Geseko von Lüpke: Während alle Welt von der Globalisierung spricht, scheinen andere Weltbilder in den Schatten zu geraten. Sind die Globalisierer bereits die neuen Alleinherrscher?

Nikanor Perlas: Nein, eben nicht. Es sind drei verschiedene Weltbilder, die um die Gestaltung des 21. Jahrhunderts ringen. Da ist zunächst also das beherrschende und vertraute Modell der Globalisierung, deren Eliten das Leben von Millionen und Milliarden von Menschen immer mehr kontrollieren. Das provoziert unterschiedliche Reaktionen. Einmal jene der Fundamentalisten – egal ob es sich um fundamentalistische Hindus, Christen oder Moslems handelt. Die Globalisierung entwickelt sich so schnell, dass sie die Basis ihrer kulturellen Traditionen untergräbt. Den Fundamentalisten geht es um die Frage der kulturellen Identität, die sie nicht zugunsten einer machtvollen westlichen Kultur mit einer hochentwickelten Technologie aufgeben wollen. Also setzen sie sich zur Wehr. Das sind zunächst zwei Weltbilder, die vordergründig miteinander ringen.

Aber da ist auch noch ein drittes. Und das hat sich erst in den letzten fünfzehn Jahren innerhalb der globalen Zivilgesellschaft entwickelt. Dieses Weltbild unterscheidet sich grundsätzlich von den zwei zuvor genannten. Das Weltbild der Globalisierungseliten ist machthungrig und hat nur wenig Interesse am Vorteil anderer. Die Fundamentalisten sind an der Vergangenheit orientiert. Die globale Zivilgesellschaft aber sagt: Lasst uns beide Herausforderungen annehmen und herausfinden, welche traditionellen Werte zukunftsfähig sind. Deshalb respektiert dieses dritte Weltbild beispielsweise die indigenen Kulturen der Welt und engagiert sich für Vielfalt und Pluralismus. Und darin unterscheidet es sich deutlich vom Weltbild der Globalisierung.

Sie haben die gegenwärtige Entwicklung der Welt einmal als eine „soziale Krebserkrankung“ bezeichnet. Wie müsste die Therapie aussehen?

Am Anfang der Behandlung liegt sicher ein Machtkampf. Aber den Begriff der Macht möchte ich im kulturellen Sinn verstanden wissen: Dieses soziale Krebs kann nur neutralisiert werden, indem die Zivilgesellschaft auf die Fehlentwicklungen hinweist und verhindert, dass die Gesellschaft noch mehr erkrankt. Und das ist genau das, was wir in den letzten Jahren an der globalisierungskritischen Bewegung beobachten konnten: Das Wachstum des Krebses wurde gebremst, indem die Zivilgesellschaft soziale Räume für sich in Anspruch genommen und zurückerobert hat. Deshalb hat die Globalisierung noch nicht alle Lebensbereiche erfasst. Der zweite Schritt besteht seit einiger Zeit darin, in diesen ‚befreiten Gebieten’ – wenn man sie mal so nennen will – zahllose Alternativen zu entwickeln. Und solche Initiativen sprießen rund um den Globus tausendfach aus der verbrannten Erde. Es sind diese alternativen Ansätze, aus denen sich die Möglichkeit einer anderen Welt ergeben werden. Die Heilung des sozialen Krebs kann aber erst in einem dritten Schritt beginnen. Denn es reicht nicht aus, nur die Zivilgesellschaft umzugestalten. Das Gleiche muss auch mit dem politischen und wirtschaftlichen System passieren. Auf den Philippinen sprechen wir deshalb von einer ‚gesellschaftlichen Revolution’ – einem gewaltfreien Veränderungsprozess, der auf der kulturellen Ebene beginnt und dann Politik und Wirtschaft erfasst. Das ist glaube ich der einzige mögliche Weg zur globalen Zivilgesellschaft.

Sind die Werte, auf deren Grundlage sich eine solche ‚friedliche Revolution’ vollziehen kann, denn schon da? Oder sind wir mitten in einer ‚Revolution der Werte’, aus denen sich dann alle Veränderung ergibt?

Das Fundament für diese neuen Werte ist bereits vorhanden. Deshalb wird diese sehr aktive globale Zivilgesellschaft auch nicht so schnell wieder verschwinden – denn hinter diesem Phänomen stehen Millionen von Menschen. Paul Ray, ein guter Freund von mir, hat in den USA den Wertewandel in einer groß angelegten statistischen Arbeit untersucht. Nach rund 100.000 Interviews kam er zu dem Ergebnis, dass in Amerika rund fünfzig Millionen Menschen bereits völlig andere Werte haben – er nennt diese Bevölkerungsgruppe die „kulturell Kreativen“. Auch in Europa ist man zur Zeit dabei, eine ähnliche Untersuchung des Wertewandels durchzuführen. Man geht nach den ersten Untersuchungen davon aus, dass hier in Europa siebzig bis achtzig Millionen Menschen sich ganz anderen Werten verpflichtet fühlen, als die Protagonisten der Globalisierung sie vertreten. Das Gleiche gilt für andere Länder der Welt, wenn vielleicht auch nicht in den selben Größenordnungen. Bei uns auf den Philippinen, schätze ich, sind es zehn oder fünfzehn Prozent der Bevölkerung.

Welche Werte vertreten diese ‚kulturell Kreativen’?

Diese ‚kulturell Kreativen‘ sind ein hochinteressantes Völkchen. Paul Ray untersuchte zwanzig soziale Bewegungen und entdeckte, dass die meisten ‚kulturell Kreativen‘ in mehreren Bewegungen aktiv sind, meistens in drei oder sogar sechs. Sie engagieren sich zum Beispiel nicht nur für die Gleichberechtigung und die Umwelt, sondern auch für eine spirituelle Neuorientierung. Paul Ray stellte fest, dass sich in den USA das Engagement für einen politischen Wandel und das Interesse an einer persönlichen Bewusstseinsentwicklung bei achtzig Prozent der Menschen dieser Gruppe überlappen. Das ist der Grund dafür, dass ihre Werte einerseits die politischen Überzeugungen aller großen sozialen Bewegungen seit den fünfziger Jahren widerspiegeln, sich gleichzeitig aber die Überzeugung durchsetzt, dass eine Neuorientierung nicht auf der Basis der konventionellen mechanistischen Weltsicht passieren kann. Ein weiteres interessantes Detail dieser Untersuchung ist die Erkenntnis, dass zwei Drittel der ‚kulturell Kreativen‘ Frauen sind, die dementsprechend auch die meisten Bewegungen anführen. Diese neuen Werte sind stark ökologisch ausgerichtet. Viele dieser Menschen sind beispielsweise davon überzeugt, dass die Erde kein toter Gesteinsbrocken, sondern eher ein lebender Organismus ist. Statt sich vor dem Andersartigen zu fürchten, herrscht eine große Offenheit für andere Kulturen vor. Es gibt also eine ganze Reihe von unterschiedlichen Werten. Aber alle diese Menschen treffen sich ebenso beim Engagement für soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Gleichheit und Fairness wie auch bei der eher inneren Ausrichtung an Werten wie Gemeinschaft, Mitgefühl und Liebe.

Diese engagierte Zivilgesellschaft organisiert sich weltweit in unterschiedlichen NGOs, Bürger- und Nachbarschafts­initiativen. Sie haben diese Bewegung einmal als „zweite Supermacht“ bezeichnet. Wie kommen Sie dazu?

Das war nicht meine Idee, sondern die der New York Times, als am 15. Februar 2003 fünfzehn Millionen Menschen in über sechshundert Städten der Welt gegen den drohenden Irakkrieg auf die Straße gingen, während die Regierungen und Konzerne wie gelähmt auf die Krise reagierten. In dieser Situation konnte man klar die drei miteinander konkurrierenden Kräfte erkennen: einerseits den terroristischen Fundamentalismus, zweitens die gewaltfreie Friedensbewegung der globalen Zivilgesellschaft und drittens das US-Imperium als extremer Ausdruck einer Moderne, die voller Zerstörungskraft ist.

Aber die Zivilgesellschaft ist doch auch nur ein Teil der gesamten Gesellschaft. Welche Rolle spielt sie da?

Sie ist der Motor für den Wertewandel. Ob sie die Globalisierung kritisiert, die Umweltzerstörung oder die mangelnde Gleichberechtigung – es beginnt immer mit einer Kritik an den herrschenden Werten. Und aus dieser kritischen Haltung formt sich bei ihren Protagonisten eine neue politische Identität. In ihrer Essenz muss die Zivilgesellschaft deshalb als kulturelle Bewegung verstanden werden. Sie beginnt in der kulturellen Sphäre und entwickelt dort kreativ neue Werte, stellt die Sinnfragen, entwickelt neue Identitäten. Aus dieser Quelle entstehen dann kollektive Identitäten, Koalitionen und Netzwerke. Und auf dieser Basis kann die Zivilgesellschaft dann die Kraft entwickeln, gestaltend auf Politik und Wirtschaft einzuwirken.

Ist der Kampf dieser drei Subsysteme unvermeidlich oder geht es eher um die Kooperation beim Aufbau einer anderen Welt?

Beides! Am Anfang sind Konflikte unvermeidbar. Denn wir sind Teil eines historischen Prozesses, indem der Markt immer stärker das Schicksal von Gesellschaften und Nationen prägt. Deshalb muss es zunächst darum gehen, die Freiheit der Kultur zu sichern, damit sie die neuen Visionen für eine andere Welt gebären kann. Genau da liegt die Aufgabe der Zivilgesellschaft. Zwangsläufig drückt sich das im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft erst einmal im Widerstand gegen totalitäre Strukturen in Staat und Wirtschaft aus. Aber – und das ist ganz wichtig: Widerstand alleine reicht nicht aus, um eine neue Welt zu schaffen. Deshalb darf die Zivilgesellschaft nicht nur dabei bleiben, Staat und Wirtschaft kritisch zu kontrollieren. Sie muss vielmehr auch eine starke kreative Rolle dabei einnehmen, neue Institutionen, neue politische Ansätze und neue Programme vorzuschlagen und zu entwickeln, die dem Mangel an Menschenrechten und Nachhaltigkeit eine wirkliche Alternative entgegensetzen. Sie steht also für beides: Widerstand und Kreativität. Diese kreative Rolle wurzelt im kulturellen Leben. Und von dieser Basis aus müssen strategische Allianzen mit der politischen und wirtschaftlichen Ebene der Gesellschaft geknüpft werden. Um ganz konkret zu werden: mit Menschen und Individuen, die auch dort dem System eine neue Richtung geben können. Deshalb nenne ich das einen ‚dreigliedrigen Prozess‘. Es geht um das Zusammenspiel von drei Strukturen, die miteinander in Beziehung stehen.

Dabei scheinen Sie aber die Bedeutung dieser drei Ebenen ganz neu zu gewichten. Bislang hat man ja die Kultur meist nur als das Sahnehäubchen auf dem Kuchen gesehen. Bei Ihnen ist das andersherum: Da wird die Kultur zum Tortenboden.

Völlig richtig. Wir waren lange Zeugen einer zunehmenden Marginalisierung der Kultur. Die geht nun zu Ende – mit guten und schlechten Konsequenzen. Zu den schlechteren gehört die Überbetonung der Kultur im so genannten ‚Zusammenprall der Zivilisationen‘ mitsamt ihren politischen und militärischen Konsequenzen. Da wird die Kraft der Kultur negativ genutzt, indem man sagt: Wir werden uns nie verstehen können, weil wir aus unterschiedlichen Welten kommen. Zu den guten Folgen dieses kulturellen Erstarkens gehören die sozialen Bewegungen. In ihnen wächst weltweit ein tieferes Verständnis, das über die rein politische und wirtschaftliche Analyse hinausgeht und sich für eine Begegnung der Kulturen öffnet.

Ist es überhaupt möglich, den Globalisierungsprozess zu stoppen, ohne seine tiefsten Werte in Frage zu stellen?

Nein. Und das ist wohl die wichtigste Erkenntnis dieser Zeit. Wir sind da wirklich an einem Wendepunkt: Einerseits entpuppt sich die globale Zivilgesellschaft heute als eine Art Weltmacht. Andererseits zeigt sie auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Kraftentfaltung ihre größte Schwäche: Nämlich dann, wenn sie versucht, Staat und Wirtschaft mit den gleichen ausschließlich materiellen Werten entgegenzutreten. Wenn die Zivilgesellschaft nicht realisiert, dass diese Werte das eigentliche Fundament für die Zerstörung der Welt sind, kann sie auch nicht Neues erschaffen und die Zügel herumreißen. Das ist genau der Grund, warum ich überall wo ich kann, nicht nur vor der Globalisierung warne, sondern auch vor der bevorstehenden Mechanisierung des Menschen. Denn die gleichen Werte, die den globalen Markt erschaffen, stehen auch hinter den Bestrebungen, den Menschen mit irgendwelchen Chips zu einem Maschinenwesen zu optimieren. Ohne eine Werterevolution und neue spirituelle Maßstäbe können wir die Struktur der Gesellschaft nicht grundsätzlich verändern. Im Gegenteil: Dann verschlingt uns das System. Mir ist es enorm wichtig, diese ganze Globalisierungsfrage in einen weiteren Zusammenhang zu stellen. Wir dürfen bei der Auseinandersetzung mit den politischen und ökonomischen Aspekten nie vergessen, dass dieser Prozess eine spirituelle Herausforderung für die gesamte Menschheit beinhaltet: Denn wenn man sich anschaut, was zurzeit passiert, wird deutlich, dass die Globalisierung uns mit den tiefsten Fragen konfrontiert: Was ist die Natur unserer Gesellschaft, die Natur des Menschen, die Natur der Natur? Wenn wir auf diese Fragen keine neuen Antworten haben, können wir auch keine Visionen einer anderen Welt entwickeln! Dann greifen auch unsere Alternativen nicht weit genug. Deshalb betone ich immer öfter die spirituelle Dimension dieser ganzen Diskussion um eine globalisierte Welt. Denn das ist die eigentliche Frage, um die es in diesem Konflikt geht.

Politik in unserer Kultur ist aber meist völlig abgetrennt von tiefen spirituellen Fragen. Lässt sich diese Trennung überwinden?

Das eigentliche Problem ist, dass es keine Politik des Herzens gibt. Politiker wurschteln vor sich hin, aber sie treffen ihre Entscheidungen nicht auf der Basis dessen, was ihnen ihr Herz sagt. Denn man hat ihnen das ganze Leben beigebracht und drängt sie tagtäglich dazu, mit eingeschränktem Horizont, orientiert am Machterhalt und auf der Basis nackter Zahlen zu handeln. Deshalb ist der gegenwärtige Prozess der Globalisierung auch so wenig mit den wirklich tiefsten Werten der Menschheit verbunden und kann deshalb auch sein enormes Zerstörungspotential entwickeln. Wenn das Herz mitentscheidet, entsteht eine andere Politik. Das ist auch auf den Philippinen so: Warum wollen wir den Gleichheit und Gerechtigkeit? Doch nicht wegen irgendwelcher abstrakter Menschenrechte, sondern wegen einer ganz konkreten Erfahrung des Mitgefühls mit leidenden Menschen. Und aus so einem Gefühl entsteht einfach eine andere Politik.

Das klingt, als befänden wir uns mitten in einem fundamentalen Wandlungsprozess, indem wir gleichzeitig Sterbebegleiter eines alten Systems und Geburtshelfer einer neuen Welt sind.

Genau. Das ist eine sehr schöne Metapher für diesen Umbruch, denn es ist wirklich so, dass ein lange gewachsenes Weltbild stirbt. Andererseits ist es wichtig, zu erkennen, dass die materialistische Weltsicht, auf der das gegenwärtige zerstörerische System aufbaut, im historischen Maßstab nur eine Minute von der vollen Stunde der Menschheitsgeschichte Bedeutung hatte. Das sind gerade mal die letzten vierhundert Jahre, alle Kulturen davor hatten ein ganzheitlicheres und spirituelleres Weltverständnis. Und fraglos hat uns der Materialismus viel gegeben: nicht nur die Menschenrechte, sondern auch ein enorm präzises Verständnis der Natur und ihrer Gesetze. Deshalb steht in Zukunft auch nicht eine Rückkehr in die Irrationalität an, sondern eine Synthese dieser Rationalität mit einer neuen Form von Spiritualität. Auf dieser Basis entsteht die Welt der Zukunft.

Glaubt man Ihren Worten, dann scheint es zahllose Wege zu geben, sich am Aufbau einer neuen Welt zu beteiligen – und wenn es nur neue persönliche Werte sind, auf die wir unser Handeln gründen. Was aber ist hier und in den Ländern des Südens ganz konkret zu tun angesichts der Dynamik der Globalisierung?

Wir müssen die unterschiedlichen Strategien der Zivilgesellschaft in einem Kontinuum begreifen. Wir auf den Philippinen haben beispielsweise eine Diktatur gestürzt und eine angehende neue Diktatur verhindert, haben aber trotzdem nicht weiter in die Zukunft gedacht. An genau diesem Punkt steht heute die globale Zivilgesellschaft. Die Frage ist: Wie kann es gelingen, die Menschen dazu zu bringen, einerseits kurzfristig Widerstand zu leisten und gleichzeitig langfristig und mit zunehmender Intensität am Aufbau neuer Strukturen zu arbeiten. Mein Appell an die globale Zivilgesellschaft ist, beides miteinander zu verbinden: Wir müssen neben dem Widerstand gegen gefährliche Entwicklungen unsere Kraft daran setzen, kreativ eine neue Welt zu erschaffen. Letzteres passiert natürlich in einem anderen Zeithorizont. Der Widerstand ist aktuell, unmittelbar und taktisch. Die Erschaffung neuer Werte, Ansätze, Projekte und Institutionen ist eher langfristig strategisch. Aber beide stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern sind eher Teile eines Kontinuums. Was heute in dieser Bewegung wächst, ist ein neues Verständnis für Vielfalt: bei den Strategien, Taktiken und alternativen Ansätzen. Die Vielfalt ist der Schlüssel für die Erschaffung einer realistischen Alternative. Es ergibt keinen Sinn mehr, nur einer alternativen Vision oder Ideologie zu folgen. Es geht um viele mögliche Zukünfte, nicht nur um eine.

Das Gespräch ist Geseko von Lüpkes jüngstem Buch „Politik des Herzens“, Arun Verlag 2003, entnommen.

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