HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Mathias Binswanger, © privat
Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Solothurn-Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Nach seiner Dissertation war er als Umweltberater der Volkswagen AG und für Forschungsaufträge an amerikanischen Universitäten tätig. Er publiziert regelmäßigin Fach- und Publikumsmedien. So auch im St. Galler Tagblatt, dem für die Abdruckgenehmigung für diesen Text zu danken ist.
1.8.2004 | Druckansicht

Leben & Werte

Schweizer Schuldnerberater müssen Schuldienst machen

Wachstum durch Schulden

Auch in der Schweiz wird gern auf Pump gekauft. Schweizer Jugendliche verschulden sich immer mehr, denn sie leiden zunehmend unter einer Krankheit, die sich Kaufsucht nennt. Etwa ein Viertel der Sechzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen lebt über seine Verhältnisse, gibt also mehr Geld aus, als verdient wird. Das alles hat der Dachverband der Schweizer Schuldner­beratungsstellen festgestellt und heftig kritisiert. Als Gegenmaßnahme soll der Jugend die Tugend des Sparens und der richtige Umgang mit Geld jetzt in den Schulen beigebracht werden.

Artikel von Mathias Binswanger

Wo kommen wir hin, wenn immer mehr Menschen über ihre Verhältnisse leben? Die Antwort darauf lautet: sehr weit. Das zeigt uns das Beispiel der USA, wo nicht nur Jugendliche, sondern ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung permanent über die eigenen Verhältnisse lebt. Denn ein hoher Anteil an kaufsüchtigen Bürgerinnen und Bürgern ist etwas vom Besten, was einer Volkswirtschaft geschehen kann. Diese Kaufsucht wird denn auch durch die Werbung, wo immer möglich, aktiv gefördert, nach dem Motto: Jetzt konsumieren, später bezahlen. Ein Prinzip, das sich schon oft bewährt hat. Marketingexperten wissen, dass man die Menschen zuerst einmal dazu bringen muss, neue Produkte zu erwerben und zu nutzen. Um die Finanzierung kann man sich dann später kümmern, denn meistens findet sich auch jemand, der bezahlt. Das können die Verschuldeten selbst sein oder deren Familie und Freunde, die dann notfalls angepumpt werden. Zwar bleibt dann immer noch ein Rest an Schulden, der sich nicht mehr eintreiben lässt. Doch diese Ausfälle werden einfach auf die Allgemeinheit abgewälzt, indem diese dann insgesamt höhere Preise zahlt.

Die hohe Verschuldung der privaten Haushalte trägt in den USA wesentlich zu der im internationalen Vergleich tiefen Sparquote bei, die wiederum ein wesentlicher Grund für das starke Wachstum des privaten Konsums ist. Bekanntlich wird ja in den USA fast alles auf Pump gekauft. Egal, ob es sich um Autos, Computer, Möbel oder Rasenmäher handelt. Und falls diese Zahlungen dann nicht eintreffen, gibt es dort entsprechende Firmen, die sich auf das Eintreiben von Schulden spezialisiert haben. Dass diese dabei nicht immer besonders zimperlich vorgehen, erhöht ihre Erfolgsquote noch zusätzlich. Diese Firmen kassieren dann zwar einen erheblichen Anteil der eingetriebenen Summen, doch als Ganzes lohnt sich das Verkaufen auf Kredit eben doch.

Die tugendhaften Sparer

Die Europäer und insbesondere die Schweizer galten im Gegensatz zu den Amerikanern lange Zeit als tugendhafte Sparer. Der Entschluss, ein neues Auto zu kaufen, war nicht selten mit einer mehrjährigen Einschränkung des Konsums und dem Besuch von Billigferiendestinationen verbunden, um so den erforderlichen Betrag zusammenzusparen. Ein solches Verhalten ist freilich nicht gerade wachstumsfördernd, und in neuester Zeit versucht man deshalb auch hierzulande, Produkte ohne sofortige Bezahlung unter die Leute zu bringen. Nehmen wir als Beispiel den sehr erfolgreichen Mobilfunkmarkt. Würde man hier nicht die Verschuldung insbesondere von Jugendlichen mit einkalkulieren, dann wäre dieser Markt sicher kein so großes Erfolgsbeispiel. Müsste man nämlich einerseits für alle Mobilfunktelefone den vollen Preis bezahlen und andererseits für die Nutzung der Telefondienste wie bei Swisscom Easy oder Sunrise Pronto im Voraus bezahlen, dann hätten wir zwar kein Schuldenproblem, aber die Mobilfunkanbieter hätten ein Umsatzproblem. Diese haben jedoch schon lange erkannt, dass die Einstiegskosten in die Mobilfunktelefonie möglichst gering gehalten werden müssen. Nach dem oben bereits erwähnten Motto, zuerst nutzen und dann bezahlen, werden neue Mobilfunktelefone gratis oder zu Spottpreisen abgegeben und das häufig auch noch mit Gratisminuten. Ist man erst einmal an die Nutzung gewöhnt, achtet man nicht mehr so stark auf die Kosten, und bis zur Verschuldung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Besonders unter Jugendlichen kommt das häufiger vor, und auf diese ist ein großer Teil der Werbekampagnen von Mobilfunkanbietern denn auch ausgerichtet. Die Tragik einer solchen Verschuldung hält sich im Allgemeinen in Grenzen, denn die Mehrheit der Jugendlichen hat Eltern, die schließlich zähneknirschend diese Rechnungen begleichen. Schließlich will man sich den guten Ruf nicht durch den nonchalanten Geldumgang des Nachwuchses ruinieren lassen.

Ausgeben statt sparen

Auf diese Weise wird der Konsum in der Schweiz positiv belebt, denn in den meisten Fällen würde dieses Geld andernfalls wohl nur gespart werden. Die Schweiz besitzt insgesamt viel mehr Ersparnisse, als sie für Investitionen im eigenen Land benötigt. Dieser Ersparnisüberschuss wandert dann ins Ausland, indem etwa ausländische Wertpapiere gekauft werden. Dank der aktiven Verschuldung der Jugendlichen wird nun ein kleiner Teil dieser Ersparnisse wieder in den Wirtschaftskreislauf der einheimischen Wirtschaft eingespeist. Auf einen kurzen Nenner gebracht heißt das: Wenn die Alten das Geld nicht ausgeben wollen, dann muss man es ihnen halt über ihren Nachwuchs aus der Tasche ziehen.

Kinder zwingen die Eltern

Wir haben hier den Mobilfunkmarkt als Beispiel aufgeführt, doch es gibt noch eine ganze Reihe anderer Märkte, die nach genau demselben Prinzip funktionieren, auch wenn dort die Verschuldungsmöglichkeiten nicht so groß sind. So werden Eltern von ihren Kindern „gezwungen“, sie mit teuren Designerklamotten auszurüsten, da sie sonst in der Schule oder in der Freizeit nicht mehr mithalten können. Und das kann zu Hause gehörigen Stress verursachen, den man auf Dauer lieber vermeidet. Werblich ist die Jugend einfach besser ansprechbar als die bereits mit Risikoangst und Sicherheitsdenken infizierten Erwachsenen. Rein ökonomisch betrachtet ist die zunehmende Verschuldung der Jugendlichen somit nichts Schlimmes, sondern eine willkommene Konjunkturbelebung der Wirtschaft. Und die brauchen wir dringend, wenn wir wieder höhere Wachstumsraten in unserem Land wollen. Allerdings liegt die Betonung hier auf „rein ökonomisch“. Gegen eine zunehmende Verschuldung der Jugendlichen gelten andere Argumente, die mit wirtschaftlichen Überlegungen nichts zu tun haben. Man könnte es etwa als pädagogisch wertvoll erachten, Kindern und Jugendlichen beizubringen, dass man Geld, das man ausgibt, zuerst verdienen muss. Denn wenn man das nicht weiß, kann das in Einzelfällen durchaus katastrophale Folgen für die finanzielle Biografie eines Kaufsüchtigen haben.

Schizophrene Welt

Allerdings wäre eine pädagogische Botschaft dieser Art ziemlich schizophren, denn es wird uns überall demonstriert, dass man Geld ausgeben kann, bevor man es verdient. Erst wenn man Konsumkredite, die Möglichkeit, Kreditkarten zu überziehen, oder nicht im Voraus bezahlte Mobilfunkabonnements abschaffen würde, hätten wir eine Wirtschaft, in der man Geld effektiv zuerst verdienen muss, bevor man es ausgibt. Und gegen solche Maßnahmen setzt sich die Wirtschaft aus ihrer Sicht zu Recht zur Wehr, denn der Konsum würde dadurch schrumpfen. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass die Schweizer Banken und Versicherungen an einem vom Dachverband der Schuldnerberatungen vorgeschlagenen Präventionsprojekt kein Interesse hatten. Was es braucht, ist letztlich eine Doppelmoral, die uns einmal mehr die Amerikaner konsequent vorleben. Auf der einen Seite werden puritanische Ideale wie Sparen und Fleiß gepredigt und auf der anderen Seite wird ein großer Teil der Bevölkerung dazu animiert, sich hemmungslos zu verschulden. Wirtschaftlich ist das allerdings sehr erfolgreich, denn die amerikanische Wirtschaft wächst mit beachtlichen Raten.

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