HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
1.6.2004 | Druckansicht

Praxis & Projekte

Den Berlinern der Berliner

Berlin, siebenhundert Kilometer von Prien entfernt, viel mehr Einwohner, kein Kurort, keine Alpen, aber viele Seen und Sehenswürdigkeiten und allerhand Attraktionen. Im Herbst kommt eine weitere hinzu: der Berliner, eine Komplementärwährung für den Kiez, wie der Stadtteil Prenzlauer Berg auch heißt. Vorangetrieben wird das Projekt vom Verein Berliner Regional, den der studierte Physiker Dag Schulze mit zwei Mitstreitern gerade gründet. Der Autor war nicht vor Ort, sondern las darüber zuerst in seiner Zeitung, die ja täglich über Berliner Geschichten berichten muss, wenngleich nicht immer Gutes und auch nicht nur auf Seite eins.

Beitrag von Hans Olbrich

Eigentlich ist beim Berliner fast alles wie beim Chiemgauer: Ein Berliner ist gleich ein Euro. Der Euro wird nicht ersetzt, sondern ergänzt. Die vom Chiemgauer bekannten Nutzeffekte für eine Landregion sind beim Berliner die Effekte für eine Stadtregion. Ziel sind geschlossene lokale Wirtschaftskreisläufe statt globale Ausverkäufe, sprich Abfluss regionaler Einkommen in die Kassen überregionaler Konzerne. Beim Rücktausch in Euro sind fünf Prozent Abschlag als „Stadtteil-Spende“ für gemeinnützige Zwecke fällig. Das Berliner-Geld ist sechs Monate gültig, dann muss es in neue Gutscheine umgetauscht werden. Dabei wird eine Umlaufsicherungsgebühr von zwei Prozent pro Quartal erhoben. Und so lernen die Leute im Kiez, wie ein Geld funktionieren würde, das sich nicht horten lässt wie Euros oder Dollars. Das ist ein ganz wesentlicher Hintergrund bei allen Regiogeld-Initiativen. Davon steht leider kein Wort in dem SZ-Bericht.

Der sonst durchaus korrekt berichtende SZ-Autor hat den Berliner aber auch als „PR-Gag“ und als „Werbemasche“ bezeichnet. Da hat er schon mal zwei Fehler gemacht. Erstens: Bei der SZ gilt seit alters her die feste Regel, das Meldung und Meinung strikt zu trennen sind. Zweitens: Chiemgauer, Berliner und alle anderen dem Euro angehängten Komplementärwährungen sind eher als Notmaßnahme denn als PR-Idee zu verstehen. Mehr dazu unter „All Business is Local“ weiter vorn in diesem Heft.

Aber dann gibt’s auch noch ein Drittens. Bei einem Schwenk vom Berliner zum Chiemgauer steht dann in dem SZ-Bericht auch noch, der Chiemgauer solle „unter anderem Kunden trösten, die sich noch nicht mit dem Euro haben anfreunden können.“ Die Schmunzelecke auf der SZ-Titelseite ist eigentlich das berühmte „Streiflicht“ links oben.

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