HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
1.6.2004 | Druckansicht

Praxis & Projekte

Den Chiemgauern der Chiemgauer

Prien, neunzig Kilometer von München entfernt, zehntausend Einwohner, Kurort mit See und Alpen, gepflegten Häusern und Anlagen, Kurkliniken, Modegeschäften, Heimatkunst, Delikatessen, Cafés, Hotels, ist besonders im Sommer ein beliebtes Touristenziel. Seit einem Jahr gibt es dort eine weitere Attraktion: Den Chiemgauer, eine Komplementärwährung für den Chiemgau. Betrieben wird das Projekt von einigen Schülerinnen und ihrem Wirtschaftslehrer an der Waldorfschule im Ort. Die Autorin war vor Ort und hörte sich um, wie das geht mit dem regionalen Gutscheingeld. Zuerst war Susanne Kabisch in einer Bäckerei.

Beitrag von Susanne Kabisch

Lieselotte Gerlmeier ist Verkäuferin in der Bäckerei Miedl, seit etwa einem Jahr gibt es in ihrer Kasse auch ein Fach für den Chiemgauer – kleine, bunte Scheine, die entweder einem, fünf, zehn oder zwanzig Euro entsprechen. Manche Kunden verwenden sie bereits, um Brot, Brötchen und Kuchen zu kaufen oder Kaffee zu trinken. Am Anfang waren es vor allem Schüler und Lehrer der nahe gelegenen Waldorfschule, wo der Chiemgauer erfunden wurde. Inzwischen zahlen auch Touristen ihr Frühstück schon mal mit Chiemgauern. Frau Gerlmeier bestätigt: „Von den Fremden habe ich auch schon einiges gehabt, die haben sich erkundigt, wo man das zu kaufen bekommt und wie das Ganze funktioniert, und da habe ich sie zur Waldorfschule geschickt.“

Nur ein paar Minuten vom Bäckerei-Café entfernt liegt der Ort, an dem die Gutscheine entstehen. Das lang gestreckte, einstöckige Gebäude war früher das Kreiskrankenhaus, auf dem Dach thront ein altes Uhrentürmchen, an dem die Schule schon von weitem zu erkennen ist. Wie in allen Einrichtungen der Waldorf-Pädagogik dominieren auch hier Pastelltöne und Holz. Gesang ist zu hören aus einem Klassenzimmer, Geigenspiel aus einem anderen, doch wenn es zur Pause geht, klingen die Schülerstimmen hier genau so wie überall.

In einem Projektraum im ersten Stock liegt die Geschäftsstelle des Chiemgauer regional. Hier werden die bunten Gutscheine gedruckt, mit Sicherheitsmerkmalen versehen, ausgegeben und wieder angenommen. Hier sitzen Buchhaltung, Vertrieb und Geschäftsführung des jungen Unternehmens, das gleichzeitig auch Teil des Unterrichts ist. Alle Arbeitsplätze sind besetzt, es wird recherchiert, getippt und diskutiert.

Anna Seibt legt letzte Hand an eine Infotafel für eine Veranstaltung, auf der die Schülerinnen das Regiogeld vorstellen werden. Anna: „Hier sieht man den Kreislauf, wie der Chiemgauer funktioniert, und einen Chiemgauer in Großformat und verschiedene Zeitungsartikel und Fotos von uns und eine Chiemgauer-Kundenliste. Da sind die ganzen Unternehmen aufgelistet, die bei uns mitmachen.“

Es ist eine Liste mit über hundert Teilnehmern: Lebensmittel- und Bekleidungsgeschäfte, Buchläden, Optiker, Steuerberater, Hotels, Restaurants, Dienstleister im Gesundheitsbereich, sie alle nehmen für ihre Arbeit auch Chiemgauer an. Anna und ihre Kolleginnen sind stolz darauf, dass die Sache, die sie ins Rollen brachten, so gut funktioniert. Im Oktober 2002 hat sich das Schülerunternehmen gegründet im Rahmen eines Unterrichtsprojekts der Oberstufe. Christian Gelleri, Wirtschafts- und EDV-Lehrer, hat es angeboten und sechs Schülerinnen, die gern zusammenarbeiten wollten, waren sofort davon begeistert. Jede von ihnen ist seitdem für einen Unternehmensbereich zuständig. Anna hat sich mit dem Logo für das Unternehmen beschäftigt, und jetzt lacht ihr von jedem Gutschein und jedem Infoblatt ihre Zeichnung entgegen: ein offener Bogen, durchkreuzt von einer schwungvollen Schleife.

Anna Seibt weiter: „Dieser Bogen steht für die Region, also für den Chiemgau, und die Schleife, die sich nach oben zieht, für den Erfolg und das Aufsteigen des Unternehmens.“

Die sechs Schülerinnen investieren eine Menge Freizeit in ihr Projekt, es gefällt ihnen, etwas zu bewirken in ihrer Umgebung. Das Gutscheinssystem soll dazu beitragen, dass mehr Geld in der Region bleibt und ortsansässigen Unternehmen nützt, zur Gründung neuer beiträgt und für gemeinnützige Projekte zur Verfügung steht. Der Chiemgauer soll bewirken, dass Geld einen anderen Kreislauf nimmt als den zurzeit vorherrschenden.

Wirtschaftslehrer Christian Gelleri gibt weitere Erklärungen: „Das Problem ist, dass regionale Kreisläufe immer mehr auseinanderfliegen durch die Globalisierung. Und darauf braucht es eine Antwort, wenn wir wollen, dass es in der Region noch eine Wirtschaft gibt, eine klein strukturierte Wirtschaft, eine dezentrale Wirtschaft. Früher waren neunzig Prozent regional, heute sind es vielleicht noch zehn Prozent, die Welt ist auf den Kopf gestellt. Noch nie war die Umweltverschmutzung so groß, noch nie waren die sozialen Probleme so hoch und noch nie war die Regionalität so gering.“

Viele Eltern an der Schule begrüßen das Projekt und fördern einen Verein, der die Gutscheine in Umlauf bringt. 230 Vereinsmitglieder abonnieren den Chiemgauer oder holen sich die Gutscheine an einer der Ausgabestellen ab. Andere Vereine in Prien haben sich dem Netzwerk angeschlossen, und so wandern mittlerweile im Monat rund fünftausend Euro in Form von Chiemgauern in Prien und Umgebung in Unternehmen, die, wie ihre Kunden, regionale Strukturen stärken wollen.

Auch Rainer Paul holt sich jeden Monat neue Chiemgauer, denn er sieht im Gutschein-Geld eine Möglichkeit, als Kunde ein bisschen mehr Einfluss zu nehmen auf das Wirtschaftsgeschehen: „So wie mit Geld umgegangen wird, dass Geld selber zur Ware wird, dem was entgegenzusetzen, das finde ich gut. Und dann finde ich gut, dass es mit dem Chiemgauer nicht möglich ist, auf Zinsen zu spekulieren und Geld zu horten. Geld darf keine Ware sein.“

Auch Helga Würmser, Inhaberin eines kleinen Schuhgeschäftes am Ort, hat sich dem Chiemgauer angeschlossen, weil ihr die Idee einleuchtet und weil sie die Waldorfschule unterstützen möchte: „Ich kaufe jetzt mehr im Bioladen und in solchen Läden, wo ich meine Chiemgauer wieder unterbringen kann. Ich tausche das ja um und gehe dann in diese Geschäfte. Es gibt ja genug hier und da gehe ich auch vermehrt hin. Ich muss das ja wieder los bringen, sonst muss ich ja fünf Prozent zahlen.“

Und das ist der Haken und der Clou am Chiemgauer: Es ist eine Währung mit Umlaufsicherung. Damit die Scheine tatsächlich von einer Hand zur anderen wandern, sind sie so gestaltet, dass die Kunden sie nicht lange behalten mögen, sie verlieren nämlich jedes viertel Jahr zwei Prozent an Wert. Die Gutscheine entsprechen eins zu eins dem Euro, aber wer die Chiemgauer wieder in Euro einlösen will, bekommt nur 95 Prozent zurück. Der Differenzbetrag ist für soziale Projekte und deckt die Kosten des Schülerunternehmens.

Helga Würmser hofft, dass auf längere Sicht alle Chiemgauer-Unternehmen mehr umsetzen, weil sie dadurch neue Kunden gewinnen: „Erstmal muss man dem eine Chance geben, das muss sich erst einspielen.“

So geduldig und optimistisch sind nicht alle Geschäftsleute in Prien. Viele haben vom Chiemgauer gehört, wissen aber nicht richtig darüber Bescheid, andere halten ihn mehr für eine touristische Attraktion und manche sehen für sich keinen Sinn in einer Teilnahme an dem System. Ein Geschäftsmann zum Beispiel sieht das so: „Ich brauche ja keine zweite Währung, um in den Geschäften einkaufen zu können, in denen ich gern einkaufe. Ich kann nur soviel Geld ausgeben, wie ich habe und wie ich ausgeben will, und dafür verlasse ich normalerweise die Region nicht. Ich brauche niemand, der mir sagt, ob ich immer vom Umsatz drei Prozent für soziale Einrichtungen spenden will, das entscheide ich privat, wem ich das gebe, und wann ich das gebe, und wie viel ich gebe. Fünf Prozent vom Umsatz, wenn alles über Chiemgauer laufen würde, da würde keiner mehr mitmachen, das kann sich kein Unternehmer leisten, fünf Prozent vom Umsatz einfach wegzugeben.“

Würde in einem Unternehmen aber tatsächlich alles über Chiemgauer laufen, hätte sich seine wirtschaftliche Situation bereits positiv entwickelt, meint Christian Gelleri, der Wirtschaftslehrer. Wie ein solches Zukunftsszenario aussehen könnte, macht er deutlich anhand eines extremen Beispiels, dem Buchhandel, der wegen der Buchpreisbindung und seiner Abhängigkeit vom Großhandel nur eine ganz geringe Gewinnspanne hat: „Wenn man langfristig sagt, hundert Prozent Umsatz in Chiemgauern beim Buchhandel, dann würde ich auch sagen, dann macht man einen Großhandel in Chiemgauern, dann beliefern wir unsere fünfzig Buchhandlungen mit unserem eigenen Chiemgauer-Großhandel, dann reden wir nicht mehr über zwanzig Prozent Spanne, sondern über vierzig oder fünfzig Prozent, die sich der Großhändler und der Einzelhändler teilen können. Beide können ihre Mitarbeiter und ihre Mietkosten auch in Chiem­gauer zahlen, so löst sich das wieder auf.“

Eines der Priener Unternehmen experimentiert bereits damit, einen Teil der Löhne in der alternativen Währung auszuzahlen. Und zum Beispiel in der Gastronomie würde sich der Chiemgauer schon lohnen, wenn dadurch nur ein Prozent neue Kunden gewonnen würden. Im Durchschnitt liegt die Belastung für die Teilnehmer am Gutscheinnetzwerk derzeit bei dreißig Euro im Monat – ein Betrag, der durch höheren Umsatz schnell ausgeglichen ist, als Werbung verbucht oder einfach als Spende für einen guten Zweck angesehen wird. Es gibt auch Geschäftsleute in Prien, die nicht daran glauben, dass der Chiemgauer auf Dauer funktioniert, die aber die Initiative der Schüler begrüßen. Gemeinsam ist allen, die den Chiemgauer unterstützen, dass sie etwas verändern möchten in der regionalen Wirtschaft.

Der Chiemgauer bringt jedenfalls Bewegung in den Handel. Das hat auch der Vorsitzende des Gewerbevereins erkannt und sich mit seinen Geschäften dem Gutscheinsystem angeschlossen. Manche Priener begrüßen den Werbeeffekt des Chiemgauers, denn das Schülerunternehmen sorgt für eine Menge Aufmerksamkeit in der Presse. Auch der Bürgermeister erwähnt gern den Chiemgauer und die Initiative der Schülerinnen. Der Erfolg des Experiments hängt aber auch davon ab, ob es gelingt, mit den schnell verfallenden Gutscheinen auf Probleme unseres Geldsystems aufmerksam zu machen. Die Jugendlichen leisten da Basisarbeit.

Wenn Mirjam Fochler, Geschäftsführerin des Schülerinnenunternehmens, neue Kunden wirbt, muss sie manchmal weit ausholen, um zu verdeutlichen, warum es so wichtig ist, dass Geld ausgegeben und nicht gehortet wird:

„Die meisten Leute denken, ist doch okay, ich leg mein Geld auf die Bank, dafür kriege ich meinen Zins und wenn ich Geld brauche, dann muss ich dafür was bezahlen, ist doch klar. Aber was die meisten Leute nicht wissen: Auf jedes Produkt und auf jede Dienstleistung, die sie bezahlen, müssen sie ebenfalls Zins zahlen, und das sind zum Teil horrende Prozentanteile.“

Unternehmen geben ihre Zinsbelastungen über die Preise an die Verbraucher weiter. Über solche Zusammenhänge haben sich die Schülerinnen schlau gemacht. Mirjam Fochler hat viel gelernt aus Veröffentlichungen und Vorträgen von Margrit Kennedy. Die Architekturprofessorin ist Expertin auf dem Gebiet alternativer Währungen und Mitglied eines Beirats, der den Verein mit Wissen und Kontakten unterstützt. Denn der Chiemgauer regional ist ein Pilotprojekt, auf dem große Hoffnungen ruhen. Das Team reist zu Vorträgen und Kongressen, stellt sein Projekt in anderen Schulen vor und muss wachsendes Medieninteresse befriedigen. Da kommen die sechs Schülerinnen und der Lehrer schon manchmal an die Grenze ihrer Belastbarkeit.
Cathrin Förster, zuständig für das Marketing, gefällt der Wirbel nicht, den manche um ihre Arbeit machen: „Die Leute wissen ja schon, was man macht. Aber überall, wo man hinkommt, soll man darüber erzählen. Ich möchte aber auch mal über etwas anderes reden.“

Aber die Schülerinnen sind pragmatisch genug, um zu wissen, dass sie in diesem Jahr viel weniger Zeit in das Chiemgauer-Projekt stecken können als bisher, weil es aufs Abitur zugeht. Deshalb werden sie ihre Arbeit Stück für Stück an jüngere abgeben. Das Team hat viel erreicht im vergangenen Jahr, ein Regiogeld-Netzwerk hat sich gegründet als Arbeitsplattform für alle, die eine Regio­nalwährung aufbauen wollen. Und das sind etliche: Zwölf Regiogeld­initiativen stehen vor der Gründung und rund doppelt so viele sind in Planung. Das praktische Beispiel Chiemgauer regional ist dabei für alle von großem Wert. Im Sommer wird es einen ersten Europäischen Kongress zu Komplementärwährungen geben, und Christian Gelleri hätte bis dahin gern das Interesse neuer Mitspieler gewonnen, die für das Funktionieren von Regiogeld von großer Bedeutung sind:
„Wenn es uns gelingt, einen Regionalfonds aufzulegen, der zinsgünstige Kredite zwischen Sparern und Kreditnehmern vermittelt, dann sieht die Sache wieder anders aus, dann wird es greifbar für die Unternehmer, für die Kunden. Aber das muss man erstmal als Instrument umsetzen und die Frage ist, ob das alles unsere Sache ist oder ob das nicht auch eine Sache einer regionalen Bank ist, da kräftig mitzuhelfen.“

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